Mi 31.3.2010 | 19 Uhr | Prager Spitze | Vortrag

Karneval in der DDR. Interferenzen zwischen offizieller und inoffizieller Kultur

Ohne Uns! präsentiert einen Abend mit dem in Cardiff lehrenden Literaturwissenschaftler und Germanisten Gerrit-Jan Berendse, der sich seit Jahrzehnten mit der nonkonformen Kunst der DDR beschäftigt. Seine Bücher zum Thema – u.a. der Essayband Grenz-Fallstudien. Essays zum Topos Prenzlauer Berg (1999) und seine Monographie über die Sächsische Dichterschule (1990) – gelten als Standardwerke. In diesem Vortrag untersucht er die Beziehungen zwischen staatsoffizieller Kultur und autonomer Kunstszene in der DDR. Moderiert wird der Abend von Dr. Paul Kaiser.

Vor dem Vortrag besteht ab 18 Uhr die Möglichkeit einer Führung durch die Ausstellung.


Die Ausstellung in der Prager Spitze ist am Karfreitag und Ostersonntag wie gewohnt geöffnet.


Für alle, die für einen Last-Minute-Besuch der Prager Spitze noch eine Motivationshilfe benötigen (oder sich am liebsten virtuell in Ausstellungen begeben), haben wir zwei schicke, von Andreas Seeliger fotografierte Quicktime-Panoramen online gestellt. (Leider mußten wir sie auf eine eigene Seite separieren, um die Prozessoren der Besuchercomputer nicht zu sehr zu belasten – daher hier nur ein Ausschnitt.)

Die Ausstellung ‘OHNE UNS!’ neigt sich nun ihrem Ende entgegen. Am 11. April wird in der dritten Etage der Prager Str. 2a der letzte Öffnungstag sein. Damit rückt auch die inhaltliche und finanzielle Bilanz dieses umfangreichen Vorhabens näher.

Einige inhaltliche Diskussionen kann man im Pressespiegel verfolgen, andere wurden während der Veranstaltungen im Rahmen des Projekts geführt, weitere sicherlich unter interessierten Besuchern.

Die finanzielle Bilanz wird etwas problematischer ausfallen, da es nicht möglich war, diese erste umfassende Ausstellung eines wichtigen Teils Dresdner Kunstgeschichte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem verhältnismäßig geringen Budget zu stemmen.

Mit dem Spendenaufruf möchten wir einesteils einen Teil der über das Budget hinaus aufgelaufenen Kosten decken, denn riesa efau als finanziell verantwortlicher Träger ist eben keine große Institution mit entsprechenden Reserven.

Zum anderen möchten wir mit den Spendenmitteln eine umfangreiche Web – Dokumentation des Projekts aufbauen, die langfristig abrufbar ist und vor allem auch die beteiligten Künstler/innen, Abbildungen der ausgestellten Werke, Raumsituationen sowie ergänzende Texte umfasst.

Im Namen des gesamten Teams herzlichen Dank

Frank Eckhardt


Spenden Sie für "Ohne Uns!"

Neu im Medienecho: In der Zeitschrift des Sächsischen Künstlerbunds kunstinform wurde von – erneut – Harald Kretschmar und Lydia Hempel Kritik am Ausstellungskonzept von “Ohne Uns” geübt, die Frank Eckhardt in einem Leserbrief beantwortet hat.

Fr 19.3.2010 | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36 | Filmabend

Nach dem großen Erfolg der beiden “Bonjour Tristesse”-Filmabende präsentieren “Ohne Uns!” und die Scheune drei weitere Neustadtfilme aus den 1980er und 90er Jahren von Tilo Schiemenz und Wolfgang Scholz. (Limitierter Vorverkauf bei SAX-Ticket an der Schauburg – 5€ inkl. “Wir tanzen eine neue Stadt!”- Party nach den Filmen)

Am 7. April um 20 Uhr wird es dann noch eine unwiderruflich letzte Gelegenheit geben, den ursprünglichen Bonjour Tristesse-Abend zu sehen. (VVK bei SAX-Ticket: 3€, Abendkasse: 5€)

Filmprogramm am 19.März:

Meister Conrad
(1980er Jahre – gefunden und reanimiert von Tilo Schiemenz)

Bild zum Neustadt-Filmabend_1schiemenz-meister-conrad 300dpi

Ein irrwitziges DDR-Tondokument aus dem Archiv eines Dresdner Schlüsseldienstes. Meister Konrad oder wie viel sozialistische Realsatire ein einzelnes kaputtes Schloss produzieren kann.

Body Building
(1988, Regie und Schnitt: Wolfgang Scholz)

Studium der sozialistischen Persönlichkeit: Folge 2.
In Dresden macht die Männerwelt Bekanntschaft mit einem neuen (kapitalistischen) Bizeps-Stähl-Verfahren. Bodybuilding hält Einzug im Arbeiter- und Bauernstaat. Unterm Decknamen: Körperkulturistik.
In Trainingsbaracken, auf und mit selbstgeschweißten Geräten, werden Ende der 80er Jahre zahllose Muskelberge in Formation gebracht. Der sozialistische Mann auf Abwegen? – … bewahre. Alle Spuren führen zum Parteisekretär des Neustädter Bahnhofs.

Schnapphahn und Kallaputschni – Abgesang auf die alte Dresdner Neustadt
(1995, Regie: Tilo Schiemenz)

Wir schreiben das Jahr 1994. Das große Bauen in Dresden hat begonnen. Die Neustadt verpuppt und wandelt sich. Der neue Alltag zwischen Kränen, Immobilienkraken und Containern schreibt sich ein ins Drehbuch.
Die Verfilmung einiger Kindergedichte wird zum schönen, weil lyrischen Vorwand, die Zeitenwende in der Dresdner Neustadt zu betrachten.
Das originär Schiemenzsche Figurenkarussell: Bauleiter Schmitt – im Kampf mit dem Schmetterling. Ein junger Dichter und seine Neustädter Mansarde am Vorabend der Generalsanierung. Mann und Frau, beidseits der Mauer, der ein Abrisskommando unerbittlich zu Leibe rückt.

Im Anschluß: scheune DISKO – Wir tanzen eine neue Stadt! – Die 80er Jahre Party! – mit DJ SK TIGER (Ilses Erika, Leipzig)

Kommende Veranstaltungen

Filmabend: Bonjour Tristesse – Auf der Suche nach der verlorenen Stadt (Wiederholung)

16. Februar | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36

Samstagsführungen in der Prager Spitze | jeweils 16 Uhr

13. Februar | Paul Kaiser (Kurator, TU Dresden)
20. Februar | Christine Schlegel (Künstlerin)
27. Februar | Gwendolin Kremer (Co-Kuratorin)
6. + 13. März | Paul Kaiser
20. März | Frank Eckhardt (Kurator, Geschäftsführer riesa efau)
27. März | Paul Kaiser
3. April | Frank Eckhardt
10. April | Gwendolin Kremer

Und noch ein Hinweis auf eine anstehende Filmpremiere in Berlin:

La Villette – 200 ostdeutsche Künstler in Paris – DDR 1990 – 60 Minuten – 35mm

Im Januar 1990 lud die französische Regierung zahlreiche unangepasste Künstler aus der DDR in den einstigen Schlachthof „La Villette“ von Paris ein, um unter dem Motto „L’autre Allemagne hors les murs“ eine Revision der landläufigen realsozialistischen Ästhetik vorzunehmen. Gerd Kroske und Thomas Plenert begleiteten das Spektakel und schufen damit gleichzeitig einen der letzten DEFA-Dokumentarfilme – ein frappierendes Zeugnis, von dessen Existenz bis jetzt kaum etwas bekannt war. Mit dabei in Paris waren unter anderen Durs Grünbein, Allerleirauh, Jürgen Böttcher Strawalde, Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß, Peter Dittmer, Klaus Killisch, Trak Wendisch, Kurt Buchwald, Helga Paris, Ornament & Verbrechen, Tom Terror & Das Beil und Sandow. Das Raumkonzept entwarf Via Lewandowsky. Kuratiert wurde das Projekt von Christoph Tannert.
Am 28. Februar um 20.30 Uhr findet die Vorführung in Anwesenheit Gerd Kroskes und weiterer Paris-Reisender statt. (Weitere Vorführungen täglich vom 25.2. – 3.3., jeweils 20:30 Uhr)
Ort: Kino in der BROTFABRIK, Caligariplatz 1, Berlin-Weissensee

Bonjour Tristesse – Auf der Suche nach der verlorenen Stadt

Di 1.12.2009, Di 16.2.2010 und Mi 7.4.2010 | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36 | Filmabend

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Filmen verboten! – Wie bitte? Tja, vor zwanzig Jahren waren nicht nur mehr Birken auf den Dächern der Neustadt, das Spirituosenangebot im Kiez übersichtlicher und die Kohlen im Keller, sondern es gab dort auch ein paar längst in Vergessenheit geratene Gesetze. Wie dieses: Halt die Linse rein und möglichst versteckt in Nähe sowjetischer Kasernen. Hielt sich zum Glück im Zonenrandgebiet Neustadt kaum einer dran. Und so lassen sich heute noch die Dokumente der ersten Szene-Siedler bestaunen, die in den Achtzigern inmitten eines ruinösen Soziobiotops ihre ersten Regieversuche wagten. Mit Super8 und 16mm-Kamera. Zappa-Soundsystem und Underground-Bettlaken-Projektionsshow. UND jeder Menge Neustadt-Originale vorm Objektiv.
Die schönsten Relikte der alten neuen Tage der Neustadt haben wir für diesen Abend zusammen mit den Filmemachern neu kompiliert.

Neustadt 1

Zu sehen sind Werke von Tilo Schiemenz, Wolfgang Scholz, Thomas Claus und Stefan Schilling. Tilo Schiemenz wird auch persönlich anwesend sein und sich von Nils Werner und dem Publikum ausfragen lassen.

Zum Einschwingen in den Abend: ein Tondokument von 1991 (mp3) über die Anfangstage der Bunten Republik Neustadt, aber auch die mit dem damals beginnenden Gentrifizierungsprozess in der Neustadt verbundenen Ängste der Bewohner.

Die Filme im Detail:
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Verlängerung!

Mit der – erfreulich gut besuchten – Tagung in der letzten Woche sollte das Projekt ja ursprünglich enden. Es gibt jedoch gute Nachrichten für notorische Besuchshinauszögerer: Wir haben uns entschieden, die Ausstellung in der Prager Spitze bis zum 11.April zu verlängern. (Vielen Dank nochmal an die dortigen Verantwortlichen für die Bereitstellung der Räume.) Mit der Ausstellungsverlängerung werden einige Arbeiten von Künstlern wie Wilhelm Müller, Hermann Glöckner oder A.R. Penck neu zusammengestellt. Führungen gibt es in der Prager Spitze weiterhin jeweils samstags um 16 Uhr.
In der Motorenhalle dagegen wird schon für die am Wochenende anstehenden Schmalfilmtage umgebaut, die natürlich auch jedes Jahr einen Besuch wert sind.


Für den im Dezember früh ausverkauften Neustadt-Filmabend “Bonjour Tristesse – Auf der Suche nach der verlorenen Stadt” haben wir in Kooperation mit der Scheune jetzt einen Wiederholungstermin gefunden: Am 16. Februar wird Nils Werner nochmals im Viertel gedrehte Filme aus den 1980er und 90er Jahren von Tilo Schiemenz, Wolfgang Scholz, Thomas Claus und Stefan Schilling präsentieren. Programmdetails gibt’s hier


Als leuchtendes Beispiel dient unser Projekt in einem Offenen Brief des Aktionskünstlers Klaus Rudolf:

Die Dresdner Ausstellung OHNE UNS hat ja diesbezüglich eine interessante Vorgabe gemacht und die alternative ddr kunstszene des Dresdner Raumes erstmals seit 89 ins Zentrum einer höchst umfangreichen Schau gebracht. Auf mehr als 1500 m² und an fünf Veranstaltungsorten fand nach dem großen Auftritt der ddr avantgarde 1990 im Pariser Grand de Vilette in Paris erstmals im deutschen Sprachraum eine ernstzunehmende künstlerische Präsentation von ddr avantgardekünstlerinnen statt. Hierbei immer auch in Interaktion zu Künstlern mit erfrischenden Bildfindungen des offiziellen Kunstbetriebes wie z.B. auch der Leipziger Künstlerin Doris Ziegler.


Kleiner Querverweis: Die Kunsthandlung Koenitz (Quartier an der Frauenkirche, Neumarkt 2) präsentiert derzeit in einer Ausstellung die Sammlung Agathe Böttcher, eine Kollektion von “frühen Dresdner Arbeiten A.R. Pencks, die von der besessenen Suche nach einer originären Bildsprache ebenso geprägt ist wie von der Freundschaft zwischen beiden Künstlern”.

Sammlung Agathe Böttcher

Tagung – 8060/7050/9040

Do 14.1., 15 Uhr bis Fr 15.1., 19 Uhr | Hygiene-Museum | Marta Fraenkel-Saal

8060 Dresden / 7050 Leipzig / 9040 Karl-Marx-Stadt.
Nonkonforme Kunst und alternative Kultur in Sachsen vor 1989

Die Postleitzahlen verfallender und auf ‘Abriss gestellter’ Gründerzeitviertel in den sächsischen Bezirksstädten Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt avancierten in der Honecker-Ära der DDR zu Synonymen alternativer Lebensentwürfe. Die ‘Äußere Neustadt’ in Dresden (Postleitzahl 8060), Leipzig-Connewitz (Postleitzahl 7050) oder das verfallende Stadtquartier Sonnenberg hinter dem Karl-Marx-Städter Hauptbahnhof (Postleitzahl 9040) wurden bereits mit Beginn der 1970er Jahre zu besetzten Sozialräumen städtischer Subkulturen. Diese standen in besonderer Weise im Fokus der Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit, welche diese Inbesitznahmen städtischer Räume anfangs mit offener Repression, später mit dem perfiden Instrumentarium der ‘Zersetzung’ bekämpfte. Die Tagung thematisiert erstmals den formativen Beitrag der sächsischen Bezirksstädte für die Etablierung einer künstlerischen Gegenkultur in der DDR.

Mit dem auf der Tagung gesetzten Schwerpunkt auf die bildkünstlerisch intendierten Aktionsfelder (und deren interdisziplinären und intermedialen Verkettungen mit Literatur, Film, Musik und Tanz) sollen die Eigenheiten der jeweiligen Stadtsubkulturen vorgestellt werden, welche sich etwa durch differente Rahmenbedingungen und Programmpolitiken ausdrücken (so im Vergleich der künstlerischen Hochschulstandorte Dresden und Leipzig zur Industriestadt Karl-Marx-Stadt). Zugleich werden die Interferenzen und übergreifenden Aktionsfelder zwischen den Akteuren der drei Städte und ihren ländlichen Rückzugsräumen thematisiert, die in Pleinairs, Künstlerfesten oder Festivals ihren Ausdruck fanden.

Neben der angesprochenen Repressionspolitik durch SED, Staat und MfS sollen aber auch die städtischen Schutzmächte (Kirchen, Hochkulturinstitutionen, Künstlerverbände) dargestellt werden, die in unterschiedlicher Weise in allen drei Städten existierten, sowie jene halboffiziellen Aktionsorte, welche vor allem zwischen 1971 und 1976 und dann ab 1985 der Gegenkultur erweiterte Spielräume boten – in Dresden etwa das städtische “Leonhardi-Museum”, in Karl-Marx-Stadt die genossenschaftliche “Galerie Oben” oder in Leipzig das Klubhaus Steinstraße 18.
Die Tagung stellt ebenso die Frage nach der Verortung der hier am sächsischen Beispiel diskutierten künstlerischen Gegenkultur in der DDR zwischen osteuropäischen Dissidenzkulturen und westeuropäischen Protestbewegungen sowie zwischen den Modellen einer Amerikanisierung und Sowjetisierung im Kalten Krieg.

Veranstalter:
Sächsische Landeszentrale für politische Bildung
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Technische Universität Dresden
Ohne uns! – Kunst und alternative Kultur in Dresden vor und nach 89

Leitung: Frank Eckhardt und Dr. Paul Kaiser

Kosten: Es wird eine Tagungsgebühr in Höhe von 10 Euro p.P. erhoben. (zahlbar im Tagungsbüro)


Referenten:

Susanne Altmann, M.A., Kunstwissenschaftlerin, Dresden

Prof. Dr. Gerrit-Jan Berendse, Cardiff University, School of European Studies

Frank Eckhardt, Kurator „Ohne uns!“ und Geschäftsführer riesa efau. Kultur Forum Dresden

Yvonne Fiedler, Historikerin M.A. / Dipl.-Kulturmanagerin, Leipzig

Dr. Eckhart Gillen, Kulturprojekte Berlin, Kurator der Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg“

Dr. Paul Kaiser, Technische Universität Dresden, SFB 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“

Gwendolin Kremer, M.A., DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Dr. Klaus Michael, Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, Dresden

Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg, Technische Universität Dresden, Institut für Soziologie

Christoph Tannert, Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien, Berlin

Dr. Andreas Thielemann, Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom

Dr. Angelika Weißbach, Technische Universität Dresden, BMBF-Verbundprojekt „Bildatlas: Kunst in der DDR“


Tagungsprogramm (hier als pdf)

Donnerstag, 14.1.2010

15.00 Uhr
Begrüßung
Gisela Staupe, Stellvertretende Direktorin Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Frank Eckhardt, Kurator “Ohne uns!” und Geschäftsführer riesa efau. Kultur Forum Dresden Weiterlesen

Der Start ins neue Jahr bedeutet gleichzeitig das große Finale für Projekt und Begleitprogramm. Wer die Ausstellung oder Teile davon noch nicht gesehen hat, sollte seine Pläne langsam konkretisieren – die Ausstellungsräume sind nur noch bis zum 17. Januar geöffnet.
Bevor das Begleitprogramm mit der Tagung im Hygienemuseum am 14./15. Januar endet, wartet das Filmprogramm noch einmal mit einigen Highlights auf: Zunächst zwei Dokumentarfilme von Thomas Heise am Dienstag und Mittwoch, darunter der 2009 zunächst auf der Berlinale gezeigte, vielbeachtete und -gelobte “Material”. In der Scheune gibt es am Donnerstag Filmsequenzen gegenkultureller Aktivitäten aus der Wendezeit zu sehen, zusammengestellt von Lothar Fiedler und mit kammermusikalischen Improvisationen begleitet von Heiner Reinhardt, Peter Koch und Hans-Jürgen Noak.
Am Samstag erzählt dann zum Abschluß Claus Lösers “Behauptung des Raums” die Geschichte der Leipziger Galerie Eigen+Art. Vor dem Film empfängt Claus Löser die Konzept- und Videokünstlerin Yana Milev zum öffentlichen Werkstattgespräch – mehr zum Samstagsprogramm in der kommenden Woche.

Di 5.1. | 20 Uhr | Motorenhalle

Material (2008) | Film von Thomas Heise – 166min

Man kann sich Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.

Demonstranten _vor dem ZK.8.11.1989

Gibt es Bilder, die wir vermissen im großen Geschichtspanorama der letzten zwanzig Jahre? Szenen, die den Weltenbruch Wende anders, neu erzählen? – Schlecht vorstellbar bei der Flut an Bildern und Tönen, die 2009 medial zu uns herabrieseln.
Und doch gibt es „Material“, den Film, 2008 von Thomas Heise aus altem Drehmaterial neu kompiliert. Der Film mäandert durch 20 Jahre deutscher Geschichte. Mit einem Blick, der immer leicht neben der Spur ist und damit, man weiß nicht wie, genau ins Zentrum trifft.

Mainzer Straße 1990

Das, was übriggeblieben ist, belagert meinen Kopf. Darin setzen sich all diese Bilder immer wieder neu zu etwas anderem zusammen, als zu dem, für das sie ursprünglich gedacht waren.

Silvester im Zuchthaus Brandenburg, eine Million Menschen am 4. November 89, zerlegt in Individuen, zitternde Genossen, Menschen, Landschaften, durchpflügt vom großen Welttheater. Wie heißt es bei Wolfgang Hilbig: Was für Eliten Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen. Auf 166min in epischer Breite bei Thomas Heise zu bestaunen.

(Text: Nils Werner)

Ausführliches Interview zum Film mit Thomas Heise (TAZ)

Mi 6.1. | 20 Uhr | Motorenhalle

Volkspolizei – Alltagsbeobachtung in einem Ostberliner Polizeirevier an der Mauer. – Dokumentarfilm 16 mm s / w 60 Min.
Buch und Regie: Thomas Heise.
Kamera: Peter Badel

Das größte Tabu war ein Film über die Polizei. Deswegen haben wir den Film gemacht, weil klar war, wir werden nach diesem keinen Film mehr machen können. (Thomas Heise)

Revier 14, Brunnenstraße – Berlin/Mitte. Einen Steinwurf weg vom „antifaschistischen Schutzwall“ geht ein Dienstkollektiv der Deutschen Volkspolizei beflissen seiner Arbeit nach. Zwei Feiertage, zwei große Staatsakte stehen an. Der 1. und der 8.Mai. Hauptkampftage für die Genossen in Grün. Es gilt potentielle Provokateure und Randalierer frühzeitig im Kiez aufzuspüren. Wer aufmuckt, rebelliert, wird „zugeführt“. Alle Jahre wieder…
Neu und anders ist diesmal nur eins: Ein Kamerateam begleitet die Vopos tagelang auf Schritt und Tritt. Genossen von der Staatlichen Filmdokumentation, beauftragt vom Ministerium – wie die Polizisten glauben. Ein folgenreicher Irrtum.
Denn Regisseur Thomas Heise und seinem Kameramann Peter Badel gelingt ein Coup, wie er einmalig ist in der Geschichte des Dokumentarfilms der DDR. Ohne Genehmigung des zuständigen Ministeriums des Inneren, ausgestattet lediglich mit der Filmtechnik, ein paar offiziellen Briefköpfen und dem Wissen um die Produktionsabläufe bei der „Staatlichen Filmdokumentation der DDR“, wagt sich das Duo an eine Guerilla-Filmaktion. In „offiziellem“ Auftrag erkunden sie die Arbeit der Kontrollorgane. Zumindest bis die Täuschung auffliegt und die staatlichen Stellen das gedrehte Material einkassieren.
Kein Material – kein Film: hier könnte die Geschichte der Film-Piraterie bereits zu Ende sein. Könnte… Doch gegen eine Flasche Schnaps kann Thomas Heise sein Material im Filmarchiv heimlich kopieren. Als „Brief an die Zukunft“, ohne Chance das Material jemals in der DDR öffentlich vorzuführen, bewahrt Heise den Film auf und beschert uns damit posthum, einen der präzisesten und intimsten Einblicke in die Arbeit der uniformierten „Freunde“. Ohne Kommentar. „Volkspolizei-1985“ – ein Unikat von Film über Macht und Widerstand in der DDR.

(Text: Nils Werner)

Do 7.1. | 20 Uhr | Scheune

Musik-Film-Performance

Heiner Reinhardt (Bassklarinette), Peter Koch (Cello) und Hans-Jürgen (Hansi) Noak (Violine, electr.) spielen kammermusikalisch durchgeführte Improvisationsmusik mit Einflüssen aus Jazz und neuer Musik. In den 1980er Jahren gehörten sie zu Vertretern der Free-Jazz Szene der DDR, die insbesondere in der Region Dresden eine breite Ressonanz fand und unterschiedlichen Formationen bildete. U.a. spielten Hansi Noak und Lothar Fiedler gemeinsam mit Gottfried Rößler als Musikbrigade zusammen, die bereits 1979 aus der Blues AG hervorging, zunächst als Quartett und noch mit dem Gründer Dietmar Diesner.
Die Improvisationsmusik verband sich damals und auch heute noch mit anderen Kunstformen, so arbeiteten die einzelnen Musiker in unterschiedlichen Projekten u.a. mit der Performerin Fine Kwiatkowski und dem Maler Helge Leiberg. Dies findet bis heute seine Fortsetzungen. Ausschnitte aus diesen Zusammenarbeiten und der Verbindung verschiedener Kunstformen werden während der Live-Improvisation an diesem Abend zu sehen sein – Filmsequenzen der 1980er und frühen 1990er Jahre, zusammengestellt von Lothar Fiedler.

Do 10.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Peter Geist im Gespräch mit Jayne-Ann Igel

Es gibt nur noch flüchtlinge in diesem land, wir haben es nur nicht
wahrhaben wollen – gibt es denn ein ziel, hier, das sich für irgendjemand
lohnte? Und der weggang ins andere land – was früher die ausreise war, ist
heute der tod – ?… Am schienenstrang vorzugsweise… In diesem stammland
der lager, der lagerbildungen, der ausflüchte – Sind sie nicht alle
irgendwann zurückgekommen, wieder angeschwemmt, all die, die nicht sterben
können, weil sie nie gelernt haben, zu leben …
Jayne-Ann Igel – “unerlaubte entfernung” (2004)

Die Lyrikerin Jayne-Ann Igel war vor 1989 in der Literatur-, Kunst- und Musikszene in Leipzig, Dresden und Berlin aktiv. Ihre lyrischen Arbeiten, die ab 1982 entstanden, verband sie oftmals mit Arbeiten verschiedener bildender Künstlern (u.a. Detlef Schweiger, Erika Enders, Claudia Reh, Tobias Stengel). So entstanden in den 80er Jahren mehrere Graphik-Gedichte-Mappen im Selbstverlag und Zeitschriften-Projekte im Samisdat – derartige Produktionen außerhalb des offiziellen Kulturbetriebs wurden von den Behörden stets mit Argwohn beobachtet und automatisch im Kontext politischen Widerstands gesehen. Ab 1988 arbeitet sie hauptsächlich als freiberufliche Schriftstellerin.
Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Peter Geist reflektiert sie ihre Erfahrungen mit der Dresdner Gegenkultur und deren Vernetzung mit den Szenen in Leipzig und Berlin.

Fr 11.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Kritik- und Diskussionsabend mit den Kuratoren

Elf Wochen nach der Eröffnung stellen sich die beiden Kuratoren Frank Eckhardt und Paul Kaiser einer Diskussion zur Konzeption der Ausstellung „OHNE UNS!“

Sa 12.12. | 16 Uhr | Motorenhalle

Kunstgespräch mit Gwendolin Kremer

Wolfram Adalbert Schefflers Vorreiterrolle in der alternativen Kunstszene der DDR – zwischen Punk und Boheme – war Provokation und Inspiration. Seine Arbeiten beeinflussten Künstler in Dresden, Berlin und Leipzig, aber Scheffler behielt es sich stets und bis heute vor, keiner spezifischen Gruppierung oder Richtung anzugehören. Gemälde und Zeichnungen des heute in Berlin lebenden Künstlers stehen im Mittelpunkt des Kunstgesprächs.

Di 8.12. | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36|40

Filmabend | Das alte Lied (1991) | Ula Stöckl

Katharina will eine alte Liebe zu Ende träumen, „ihr“ Haus in Dresden wieder bewohnen und endlich im Kreise aller Lieben Weihnachten feiern. Wollen das die Enkel auch? Trotz derselben Sprache haben sie Verständigungsschwierigkeiten. Noch – Dresden 1990 – ist alles offen.

Der Moment Dresden 1990 war nicht der Moment Dresden 1989, meinem ersten Dresdenbesuch, bei dem ich auf noch ganz andere Weise junge Menschen angetroffen habe, deren Offenheit im Dezember 1990 bereits verschwunden war. Sie waren schon verhärteter, sie waren schon fertig mit der Demokratie.

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Ich wollte eine Geschichte erzählen, die weder den Westdeutschen noch den Ostdeutschen sehr gefällt. Aber aus unterschiedlichen Gründen. Eines schönen Sonntagnachmittags, völlig überraschend, betreten die Besitzer aus dem Westen als die Herren dieser Liegenschaften im Osten die Gärten und Häuser, sich überhaupt nicht darum kümmernd, dass da andere Familien, Kinder, junge Menschen, schon alte Menschen, inzwischen vierzig Jahre dort leben, völlig legitim aus ihrer Sicht.

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Mir kam es darauf an, Schauspieler zu finden, die vor allem diese Erfahrung nachvollziehen konnten und schon aus diesem Grund nicht aus dem Westen kommen sollten. Aber auch in Bezug auf die Sprache hatte ich das Gefühl, dass ich diesen Film nicht mit Westschauspielern machen sollte. Ich habe sehr darauf geachtet, dass alles, was im Film an Sprache vorkommt, im Einverständnis mit den Schauspielern aus Dresden inszeniert wird.

Ula Stöckl, 1938 in Ulm geboren, realisierte über 20 Filme, zu denen sie die Drehbücher fast immer selbst schrieb und die sie meistens auch produziert oder co-produziert hat.
Für ihren Filme „Schlaf der Vernunft“ erhielt sie 1984 den Deutschen Filmpreis und den Preis der Deutschen Filmkritik. Ula Stöckl gehörte lange Jahre zum Auswahlgremium für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Von der Akademie der Künste wurde Ula Stöckl 1999 für ihr bisheriges Lebenswerk mit dem Konrad-Wolf-Filmpreis geehrt.
Seit den 1980er Jahren lehrt sie Regie in Australien, Deutschland, den USA. Zur Zeit ist sie Professorin an der University of Central Florida.

(Text: Nils Werner / Zitate: Ula Stöckl)
Das angekündigte Gespräch mit Clara Burckner entfällt leider.
Mehr zum Film hier


Mi 9.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Vortrag von Harald Kunde | A.R. Penck: Rebell ohne Erbe?

Modellfall Penck? Überlegungen zur möglichen Wirkungsgeschichte eines Einzelgängers

Ausgehend von den unterschiedlichen Kunstverhältnissen der beiden deutschen Staaten bis 1980, dem Jahr der Ausbürgerung Pencks, untersucht der Referent an signifikanten Beispielen die Werkentwicklung des Künstlers und verdeutlicht ihren singulären Status innerhalb der DDR-Kunst.

A.R. Penck - Blaues Selbstbildnis - 1962

A.R. Penck - Blaues Selbstbildnis - 1962
(In der Prager Spitze)


Den Schwerpunkt des Vortrags aber bilden Überlegungen zur Wirkungsgeschichte des Penckschen Ansatzes bis zur Gegenwart, die sich auf unmittelbare künstlerische Begegnungen ebenso beziehen wie auf mittelbare Beeinflussungen und Wahlverwandtschaften.