Bonjour Tristesse – Auf der Suche nach der verlorenen Stadt

Di 1.12.2009, Di 16.2.2010 und Mi 7.4.2010 | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36 | Filmabend

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Filmen verboten! – Wie bitte? Tja, vor zwanzig Jahren waren nicht nur mehr Birken auf den Dächern der Neustadt, das Spirituosenangebot im Kiez übersichtlicher und die Kohlen im Keller, sondern es gab dort auch ein paar längst in Vergessenheit geratene Gesetze. Wie dieses: Halt die Linse rein und möglichst versteckt in Nähe sowjetischer Kasernen. Hielt sich zum Glück im Zonenrandgebiet Neustadt kaum einer dran. Und so lassen sich heute noch die Dokumente der ersten Szene-Siedler bestaunen, die in den Achtzigern inmitten eines ruinösen Soziobiotops ihre ersten Regieversuche wagten. Mit Super8 und 16mm-Kamera. Zappa-Soundsystem und Underground-Bettlaken-Projektionsshow. UND jeder Menge Neustadt-Originale vorm Objektiv.
Die schönsten Relikte der alten neuen Tage der Neustadt haben wir für diesen Abend zusammen mit den Filmemachern neu kompiliert.

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Zu sehen sind Werke von Tilo Schiemenz, Wolfgang Scholz, Thomas Claus und Stefan Schilling. Tilo Schiemenz wird auch persönlich anwesend sein und sich von Nils Werner und dem Publikum ausfragen lassen.

Zum Einschwingen in den Abend: ein Tondokument von 1991 (mp3) über die Anfangstage der Bunten Republik Neustadt, aber auch die mit dem damals beginnenden Gentrifizierungsprozess in der Neustadt verbundenen Ängste der Bewohner.

Die Filme im Detail:
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Tagung – 8060/7050/9040

Do 14.1., 15 Uhr bis Fr 15.1., 19 Uhr | Hygiene-Museum | Marta Fraenkel-Saal

8060 Dresden / 7050 Leipzig / 9040 Karl-Marx-Stadt.
Nonkonforme Kunst und alternative Kultur in Sachsen vor 1989

Die Postleitzahlen verfallender und auf ‘Abriss gestellter’ Gründerzeitviertel in den sächsischen Bezirksstädten Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt avancierten in der Honecker-Ära der DDR zu Synonymen alternativer Lebensentwürfe. Die ‘Äußere Neustadt’ in Dresden (Postleitzahl 8060), Leipzig-Connewitz (Postleitzahl 7050) oder das verfallende Stadtquartier Sonnenberg hinter dem Karl-Marx-Städter Hauptbahnhof (Postleitzahl 9040) wurden bereits mit Beginn der 1970er Jahre zu besetzten Sozialräumen städtischer Subkulturen. Diese standen in besonderer Weise im Fokus der Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit, welche diese Inbesitznahmen städtischer Räume anfangs mit offener Repression, später mit dem perfiden Instrumentarium der ‘Zersetzung’ bekämpfte. Die Tagung thematisiert erstmals den formativen Beitrag der sächsischen Bezirksstädte für die Etablierung einer künstlerischen Gegenkultur in der DDR.

Mit dem auf der Tagung gesetzten Schwerpunkt auf die bildkünstlerisch intendierten Aktionsfelder (und deren interdisziplinären und intermedialen Verkettungen mit Literatur, Film, Musik und Tanz) sollen die Eigenheiten der jeweiligen Stadtsubkulturen vorgestellt werden, welche sich etwa durch differente Rahmenbedingungen und Programmpolitiken ausdrücken (so im Vergleich der künstlerischen Hochschulstandorte Dresden und Leipzig zur Industriestadt Karl-Marx-Stadt). Zugleich werden die Interferenzen und übergreifenden Aktionsfelder zwischen den Akteuren der drei Städte und ihren ländlichen Rückzugsräumen thematisiert, die in Pleinairs, Künstlerfesten oder Festivals ihren Ausdruck fanden.

Neben der angesprochenen Repressionspolitik durch SED, Staat und MfS sollen aber auch die städtischen Schutzmächte (Kirchen, Hochkulturinstitutionen, Künstlerverbände) dargestellt werden, die in unterschiedlicher Weise in allen drei Städten existierten, sowie jene halboffiziellen Aktionsorte, welche vor allem zwischen 1971 und 1976 und dann ab 1985 der Gegenkultur erweiterte Spielräume boten – in Dresden etwa das städtische “Leonhardi-Museum”, in Karl-Marx-Stadt die genossenschaftliche “Galerie Oben” oder in Leipzig das Klubhaus Steinstraße 18.
Die Tagung stellt ebenso die Frage nach der Verortung der hier am sächsischen Beispiel diskutierten künstlerischen Gegenkultur in der DDR zwischen osteuropäischen Dissidenzkulturen und westeuropäischen Protestbewegungen sowie zwischen den Modellen einer Amerikanisierung und Sowjetisierung im Kalten Krieg.

Veranstalter:
Sächsische Landeszentrale für politische Bildung
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Technische Universität Dresden
Ohne uns! – Kunst und alternative Kultur in Dresden vor und nach 89

Leitung: Frank Eckhardt und Dr. Paul Kaiser

Kosten: Es wird eine Tagungsgebühr in Höhe von 10 Euro p.P. erhoben. (zahlbar im Tagungsbüro)


Referenten:

Susanne Altmann, M.A., Kunstwissenschaftlerin, Dresden

Prof. Dr. Gerrit-Jan Berendse, Cardiff University, School of European Studies

Frank Eckhardt, Kurator „Ohne uns!“ und Geschäftsführer riesa efau. Kultur Forum Dresden

Yvonne Fiedler, Historikerin M.A. / Dipl.-Kulturmanagerin, Leipzig

Dr. Eckhart Gillen, Kulturprojekte Berlin, Kurator der Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg“

Dr. Paul Kaiser, Technische Universität Dresden, SFB 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“

Gwendolin Kremer, M.A., DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Dr. Klaus Michael, Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, Dresden

Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg, Technische Universität Dresden, Institut für Soziologie

Christoph Tannert, Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien, Berlin

Dr. Andreas Thielemann, Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom

Dr. Angelika Weißbach, Technische Universität Dresden, BMBF-Verbundprojekt „Bildatlas: Kunst in der DDR“


Tagungsprogramm (hier als pdf)

Donnerstag, 14.1.2010

15.00 Uhr
Begrüßung
Gisela Staupe, Stellvertretende Direktorin Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Frank Eckhardt, Kurator “Ohne uns!” und Geschäftsführer riesa efau. Kultur Forum Dresden Weiterlesen

Sa 9.1. | 16 Uhr | Motorenhalle

Kunstgespräch/Führung mit Gwendolin Kremer, Co-Kuratorin
Die Maler Ralf Kerbach, Helge Leiberg, Cornelia Schleime, Reinhard Stangl, Reinhard Sandner und Lutz Fleischer im Kontext der nonkonformen Dresdner Malerei der späten 1970er und frühen 1980er Jahre.
Nach der Veranstaltung in der Motorenhalle besteht die Möglichkeit einer gemeinsamen Besichtigung des Ausstellungsteiles in der Prager Spitze.

Sa 9.1. | 18 Uhr | Motorenhalle | Filmprogramm – Abschlußabend

18 Uhr
RASTER UND PSYCHE – Claus Löser im Gespräch mit Yana Milev – mit Filmbeispielen

Die Konzept- und Videokünstlerin Yana Milev studierte zunächst in Leipzig Malerei, bevor sie in Dresden Szenografie, Performance- und Medienkunst sowie Kulturtheorie belegte und mit Diplom abschloss. Mit Via Lewandowsky realisierte sie 1988 ihren ersten Super-8-Film doublage fantastique. Auch später baute sie kontinuierlich bewegte Bilder in ihre künstlerische Arbeit ein, so in Irreversibel (1989) oder Exodus: Auszug ins Gelobte Land (1992).
Seit 1995 befasst sie sich in ihren Projekten exponiert mit dem Thema der Urbanisierung von Räumen und Körpern und entwirft den Begriff der „De-Urbanisierung“. Sie entwickelte dazu zahlreiche Schriften, Vorlesungen und Entwürfe und erklärt darin ihre stadt- und baubezogenen Installationen, Performances und Objekte zu „Skulpturen des Übergangs“.

19:30 Uhr
Gemeinsames Abendessen – Es wird ein kleiner Unkostenbeitrag erhoben.

20:30 Uhr
Behauptung des Raums – Unabhängige Ausstellungskultur in der DDR | Dokumentarfilm
Einführung mit Filmemacher Claus Löser

Die Geschichte der Leipziger Galerie EIGEN + ART zwischen 1983 und 1989 kann als Modellfall für zivilgesellschaftliche Courage im letzten DDR-Jahrzehnt betrachtet werden. Hier wurde ein wirksames Refugium geistiger Autonomie geschaffen, in dem sich junge Kreative einen selbst bestimmten Raum des künstlerischen Austausches schufen und sich somit der vorgesehenen staatlichen Kontrolle entzogen.
Dieser geschaffene Freiraum konnte jedoch nur innerhalb eines Prozesses behauptet werden, an dem viele Akteure zuvor als Wegbereiter beteiligt waren. Es waren verschiedene, bis in die 70er Jahre zurückführende Einzelinitiativen, mit denen die Erosion der staatlichen Kontrolle stückweise vorangetrieben wurde.
Behauptung-des-Raums
Die Aktivitäten der Leipziger Galerie EIGEN + ART, die sich schnell zu einem der wichtigsten Zentren der Subkultur entwickelte, stellen sich dadurch als Facetten einer gesellschaftlichen Entwicklung dar, die schließlich in die friedliche Revolution des Herbstes 1989 mündeten.
Die bislang noch nicht erschlossenen Videoaufzeichnungen des Archivs der EIGEN + ART von Vernissagen, Performances und Interviews verbindet der Film mit einer aktuellen dokumentarischen Ebene, in der beteiligte Künstler und Persönlichkeiten zu Wort kommen.

Eine Filmproduktion im Auftrag des Geschichtsforums

(Text: Webseite Geschichtsforum)

Do 17.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Vortrag | Kurator Paul Kaiser
Bildende Kunst und Gegenkultur in Dresden Part II (1971-1990)

Der Vortrag behandelt die facettenreiche Kunstszene in Dresden und thematisiert Künstlergruppen („Lücke“ bis „Gruppe Meyer“), inoffizielle Privatgalerien („Kellergalerie“ bis „fotogen“) sowie wichtige Aktionen („Intermedia I“ bis „Frühlingssalons“).

(Ersatztermin für den Ausfall am 29.10.)


Über die das Begleitprogramm abschließende zweitägige Tagung
“8060 Dresden / 7050 Leipzig / 9040 Karl-Marx-Stadt.
Nonkonforme Kunst und alternative Kultur in Sachsen vor 1989”
,
die Mitte Januar im Hygienemuseum stattfinden wird, können Sie sich hier informieren – inklusive Programm. Anmeldungen sind ab sofort möglich (Teilnahmegebühr: 10 Euro)


Zwischen den Jahren sind die Ausstellungen in Motorenhalle und Prager Spitze am 28. (Sonderöffnung am Montag), 29. und 30. Dezember von 14 – 20 Uhr geöffnet. Heiligabend, Sylvester, an den Feiertagen sowie am Sonntag, den 27. Dezember sind alle Ausstellungsorte geschlossen.

Do 3.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Susanne Altmann im Gespräch mit Angela Hampel, Sigrun Hellmich und Heidemarie Dreßel (sezession’89)

Mit Angela Hampel, Sigrun Hellmich und Heidemarie Dreßel treffen drei Mitbegründerinnen der “Dresdner Sezession ‘89″ aufeinander. Als loser Gesprächs- und Aktionskreis in den späten 80er Jahren entstanden, bündelte die Sezession die Interessen von Künstlerinnen, die sich im männlich dominierten sowohl offiziellen wie auch inoffiziellen Kunstbereich ungenügend repräsentiert fanden. Mit der spektakulären Installation “INNEN AUSSEN” im März 1987 in der Dresdner Galerie Mitte gaben die späteren “Mütter der Sezession” ihren vieldiskutierten Einstand. Die Ablehnung vonseiten vieler Kollegen trug dazu bei, dass Absicht und Ziele einer künftigen Künstlerinnenvereinigung noch eindeutiger formuliert wurden. Das Werk von Angela Hampel steht dabei exemplarisch und schon seit Beginn der 80er Jahre für die programmatische Suche nach einer radikal weiblichen Bildsprache, die durch Elemente aus Punk- und anderen Subkulturen noch verschärft wurde. Im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Susanne Altmann wird auch zur Sprache kommen, wie entscheidend das Erscheinen von Christa Wolfs Essay “Kassandra” (1983) die bildnerische Selbstfindung von Frauen bestimmt hat.

Bereits um 19 Uhr bietet Susanne Altmann eine zusätzliche Führung durch den von ihr kuratierten Ausstellungsteil über weibliche Subversion in der späten DDR-Kunst an.


Heute in der Berliner Zeitung: Das Panorama der Renitenten – eine Ausstellungsrezension von Ingeborg Ruthe


Weiterhin überwältigend ist das hohe Interesse an unseren Filmabenden. Gestern abend haben sich wesentlich mehr Menschen auf den Weg gemacht und dabei fiesem Dauerregen getrotzt, als in den Scheune-Saal zu packen waren – dokumentiert in der Diskussion beim Neustadt-Ticker. Ein weiterer Termin ist im Gespräch – wir müssen es wegen des komplexen Abstimmungsprozesses mit einem Vorbehalt versehen – und wird im Erfolgsfall natürlich hier bekanntgegeben. Auf jeden Fall gibt’s noch zwei weitere Gelegenheiten, uns mit einem Publikumsansturm auf die Scheune zu überraschen: bei Ula Stöckls Wendefilm “Das Alte Lied” (8.12.) und einem Konzertabend mit Lothar Fiedler und weiteren Neustädter Filmsequenzen (7.1.).

Dresden von unten

Mi 25.11. | 20 Uhr | Prager Spitze | Vortrag

Christoph Tannert – Die Funktionäre sind im Widerstand

45minütiger Vortrag mit Bild- und Tonunterstützung

Christoph Tannert, 1955 in Leipzig geboren, profilierter Kunstkritiker und Kurator, war als Begleiter und Chronist der unabhängigen Kunst der späten DDR ein zentraler Akteur der damaligen alternativen Szene. Er arbeitet derzeit als Geschäftsführer im Künstlerhaus Bethanien in Berlin.

Immer wieder brachen in der Kunst der DDR, sehr zum Ärger der Ideologen, skeptische Tendenzen auf.
Wie schon in den Optimismus verweigernden Bildern und Skulpturen von Jürgen Böttcher-Strawalde, A.R. Penck, Peter Herrmann, Peter Graf (seit Mitte der 50er Jahre) oder in den Eigenwilligkeiten von Eberhard Göschel, Hans Scheib, Reinhard Stangl, Helge Leiberg, Veit Hofmann, Ralf Kerbach, Conny Schleime, Wolfgang Smy, Lutz Fleischer, Petra Zerche (Kasten), Christine Schlegel, Hubertus Giebe, Eva Anderson, Michael Hengst, Andreas Hegewald, Jörg Sonntag u.a. in den 1970er und 80er Jahren deutlich wurde, interessierte der tiefrote Agitprop niemanden mehr. Mit diesen Künstlern, obwohl manche durchaus gelehrig und traditionsbewusst pinselten, war kein Staat zu machen. Aber das Gleichgewicht zwischen Ja- und Neinsagern hielt lange.
Die Patt-Situation zwischen Bremsern und Veränderern, das nervenaufreibende Hick-Hack um das Aufbrechen der Dogmen und der mal stärker werdende, dann wieder abflauende Selbstbehauptungswille der Künstlerinnen und Künstler in der DDR nach der Mitte der 1970er Jahre ist symptomatisch für das Wechselspiel zwischen Opposition und Kollaboration. Bis zum Ende der DDR stehen alle staatlichen Handlungen und der Versuch der Künstler, sich gegen die staatlichen Kontrollstrategien zu behaupten unter den gleichen Vorzeichen.
Zwar war unter den Ideologen der DDR immer vom lebendigen Sein und von der Welt in ihrer “Selbstbewegung” (Lenin) die Rede, aber dennoch blieb alles beim Statischen und im Rahmen von der seit Hegel dominierten Werkästhetik.
Das ideologische Ziel war, anti-sozialistisch gesehen, etwas, das auf keine Kuhhaut mehr ging, etwas Saublödes, für das sich die Hirnrinde zusehends zu schämen begann. Dennoch lief alles weiter wie bisher. Bis in Dresden die Autoperforationsartisten auftauchten…
(Text: C.Tannert)

Mi 18.11. | 20 Uhr | Scheune

OhU-Konzert | Lothar Fiedler und Helge Leiberg

Lothar Fiedler wird in der Scheune an der elektrischen Gitarre improvisieren und Helge Leiberg dazu live Overheadmalerei produzieren. Sie treffen auf Berit Jung (Contrabass), Almut Kühne (Vocal) und Michael Waltz (sampling, electr.), eine neue Generation, die ebenso experimentierfreudig mit Musik und Klang umgeht.

Ab Ende der 1970er Jahre war Lothar Fiedler einer der Motoren der Dresdner Kunstszene, vor allem als Initiator zahlreicher Musik- und Improvisationsgruppen (z.B. Musikbrigade) und Herausgeber der inoffiziellen Künstlerzeitschrift “und”. Helge Leiberg studierte Malerei an der HfbK, ist aber seither grenzgängerisch zwischen bildender und darstellender Kunst unterwegs.

Im Jahr 1979 lernten sich Fiedler und Leiberg bei einem Konzert kennen. Letzterer hatte 1973 den Studentenclub der HfBK mitgegründet und organisierte dort Musikveranstaltungen, das Programm bestand hauptsächlich aus Free Jazz-Konzerten. Leiberg spielte seit seiner Kindheit Trompete, begann selbst mit freier Musik zu experimentieren. Über den Maler Peter Herrmann kam der Kontakt zu A.R. Penck zustande und gemeinsam mit Michael Freudenberg traf man sich regelmäßig, um gemeinsam Musik zu machen. Als Penck in den Westen ging, setzten Leiberg und Freudenberg das gemeinsam Musizieren in der Musikbrigade fort.

Helge Leiberg - Komplexe Wege

Helge Leiberg - Komplexe Wege


Mitte der 1980er Jahre reisten sowohl Leiberg (’84) als auch Fiedler (’86) nach Westberlin aus. In Westberlin gründete sich die Band neu. Dazu gehörten dann auch Penck und nach der Wende Christoph Winkel. Zwei Maler, zwei Musiker experimentierten weiter musikalisch und traten mit einer Art spontaner Rockmusik bis 1997 bei Ausstellungseröffnungen von A.R. Penck unter dem Namen „O.T.“ auf. In den Programmheften wurde dies umschrieben als: „Spontane Musik ohne Titel & Tradition“. Leiberg und Fiedler intensivierten Ihre Zusammenarbeit in den Gruppen Skepsis, Sensor und Gokan. Bei letzterer kam es 1993 zu einer Art Reunion der Gruppe Fine.

DT64 bei “Ohne Uns!”

Do 12.11. | 20 Uhr | Prager Spitze | Gesprächsabend

Moritz von Rappard im Gespräch mit Lutz Schramm und Wolfgang Zimmermann zu unabhängiger Musik und dem Jugendradio DT64

„99 Stunden flotte Berichte, Suchanzeigen und vor allem Beat“ – das war die Losung des Sonderstudios Deutschlandtreffen 1964, das aufgrund des immensen Erfolgs wenige Wochen später als Jugendstudio DT64 zum festen Bestandteil des Berliner Rundfunks wurde. Obwohl Erich Honecker bereits auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 scharfe Kritik übte, stand die Abschaltung des Programms zu DDR-Zeiten nie zur Diskussion.

Lutz Schramm moderierte auf dem ab 1986 eigenständigen Kanal bis 1991 (und von 1991-93 auf “Rockradio B”) Parocktikum – eine Sendung, die einem breiten Publikum die Musik der internationalen wie auch der regionalen Independentszene vorstellte. Als Vertreter des Staatsradios hatte er jedoch immer wieder damit zu kämpfen, dass es viele Künstler gab, die sich konsequent jedem Kompromiss mit der Staatsmacht verweigerten. Andere nutzten die kleine Lücke, um ihre Arbeit einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wolfgang Zimmermann organisierte von 1981 – 1985 im Clubhaus Coswig Veranstaltungen, die virtuos unterschiedlichste Künstler zusammenbrachten: Free-Jazz traf auf Literatur, Tanz, Film oder gar die Moritzburger Jagdhornbläser. Mit Veranstaltungen wie dem „JAZZ IN“ wurde Coswig zu einem Mekka der Jazz-Fans. Im Juni 1985 präsentierte Zimmermann die „Intermedia I“ und wurde daraufhin entlassen. In der Eröffnung des Disziplinarverfahrens hieß es: „Sie haben sich zum Organisator von Veranstaltungen gemacht, die den Prinzipien sozialistischer Kulturpolitik völlig entgegenstehen.“ Was folgte, war eine jahrelange und zutiefst zermürbende Konfrontation mit lokalen Verwaltungsstellen und der Staatssicherheit. Über unvorhersehbare Umwege wurde ihm schliesslich die Leitung der Dresdner Schauburg anvertraut, wo es ihm trotz enger Auflagen erneut gelang, ungewöhnliche Programme zusammenzustellen.

Moritz von Rappard ist in Berlin als Kurator tätig. Zur Zeit präsentiert er im Berliner Zeughauskino eine vierzehnteilige Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Radio Geschichte: DT64“.

Im Rahmen von „Ohne uns“ sprechen Lutz Schramm und Wolfgang Zimmermann mit Moderator Moritz von Rappard darüber, was damals ging und was nicht ging – über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Arbeit in der DDR der 1980er Jahre. Lutz Schramm hat außerdem für uns im Archiv gekramt und wird Ausschnitte einer DT64-Sendung von 1988 über ein alternatives Musikfestival präsentieren.


Der Saxophonist Michel Doneda improvisiert im Zellentrakt des ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Stasi (Gedenkstätte Bautzner Straße, aufgenommen am 24. Oktober 2009)


Für das Dresdner Stadtmagazin SAX (11/2009, S.30) hat Bernhard Theilmann unsere Ausstellungen gesehen. Der Text enthält allerlei Für und Wider, ist aber, wie bei Publikationen aus Dresden üblich, nicht online. Daher beschränken wir uns auf die Wiedergabe des freundlichen Fazits:

Die Ausstellungen, exzellent aufgebaut, sind nicht nur Dokument, was es im Osten gab; sie breiten auch, wie mit legerer Handbewegung ausgebreitet, ein klein bißchen von dem aus, was es an Klasse in dem kleinen Land hinter der Mauer gab.


‚Bruch-Zonen. Das Prinzip Osten’ präsentiert:
Di 3.11 | 20 Uhr | Konzertkeller des riesa efau
Lesung: Milena Oda – “Der Neinsager”

Nach ´89 war im “Ostblock” wirklich keiner frei, weder in Kopf noch im Herzen. — Der Held der Erzählung “Der Neinsager” verbrachte unschuldig 17 Jahre im Gefängnis. Seine ganze Persönlichkeit wurde auf eine Nummer reduziert, durch die unmenschlichen Verhöre und Lügen verneint. Der Neinsager versucht emotional von seiner verlorenen Vergangenheit Abstand zu nehmen. Kann er das schaffen? Und wie, wenn er die Sprache spricht, die die Verlogenen mit ihm gesprochen haben und die er immer noch hören muss?

milenaoda
Milena Oda, geboren in Jicín (CZ), gehört zu einer jungen tschechischen Literaturszene, die sich immer wieder durch ästhetische Überraschung und Innovation auszeichnet, sich dabei aber stets auch gesellschaftspolitisch einmischt und positioniert. Sie schreibt Prosa, Theaterstücke und Essays, zudem ist sie als Übersetzerin tätig. 2007 war sie nach Klagenfurt zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen, ihr Prosatext ‚Piquadrat’ erschien als bibliophiles Kunstbuch (in Zusammenarbeit mit Andreas Hegewald) beim Verlag Buchenpresse Dresden. Das besondere bei ihr: sie ist eine tschechische deutschsprachige Schriftstellerin, die in Berlin lebt; ihr Schreiben ist von zwei Sprachen und Ländern geprägt.

Ich bewege mich in Mitteleuropa. Da ich ein Auto habe, bin ich schnell da und schnell wieder zurück. Ich habe keine Grenzen mehr im Kopf. Die gab es vielleicht noch vor zehn Jahren, aber die wurden abgeschafft schon bevor die EU da war. Die Bewegung ist für mich ganz natürlich.


Mi 4.11. | 20 Uhr | Prager Spitze | Vortrag

Bildende Kunst und Gegenkultur in Dresden Part II (1971-1990)

Der zweite Vortrag von Paul Kaiser behandelt die facettenreiche Kunstszene in Dresden und thematisiert Künstlergruppen („Lücke“ bis „Gruppe Meyer“), inoffizielle Privatgalerien („Kellergalerie“ bis „fotogen“) sowie wichtige Aktionen („Intermedia I“ bis „Frühlingssalons“).


Sa 7.11. | 16 Uhr | Motorenhalle

Kunstgespräch mit Gwendolin Kremer

Über die Bedeutung der Farbe in frühen Gemälden von Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, Reinhard Sandner und Wolfram Adalbert Scheffler.

Künstliche, grellbunte Farbigkeit: die ersten Gemälde des Chemnitzer Malers W.A. Scheffler Anfang der 1980er Jahre wollten Affront und Provokation zugleich sein. Die von Schleime, Kerbach und Sandner verwendete Farbpalette aus dieser Zeit könnte in ihrer Materialität hingegen als ›arte povera‹ durchgehen: Bildträger aus Leinwand, Rupfen und Fließ sowie die verwendeten Malmittel – wie Tusche und Sand bei Schleime – zeugen von den Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Künstlermaterialien in realsozialistischen wie später in kapitalistisch geprägten Verhältnissen. (Text: Gwendolin Kremer)


Sa 7.11. | 20 Uhr | Prager Spitze

Puppenspiele ohne Puppen | Shisa und Lato – Kora Kara

Das Stück “Shisa und Lato” erzählt die märchenhafte Geschichte von der schönen Shisa, dem Helden Lato und dem bösen Krähquepp. “Kora Kara” führt uns auf der Suche nach einer mysteriösen Dame durch die blühende Heimatlandschaft, wo wir den Startschuss in die große Knusperlust hören.

Richaâârd (Richard Mansfeld) agiert gestisch und mimisch vor seinem Publikum. Sabine Grüner begleitet am Cello.

Do 22.10. | 20 Uhr | Prager Spitze | Kunst bleibt Kunst – Gesprächsabend

Ralf Kerbach – heute als Professor für Malerei und bildnerisches Gestalten sowie Bildforschung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden tätig – spricht mit Gwendolin Kremer über die prägende Zeit der Ausbildung in Dresden in den 1970er Jahren, die Erfahrung der Ausreise nach West-Berlin 1982 und seine Rückkehr an die HfBK Dresden zehn Jahre später.

Einführung: Paul Kaiser (Kurator)

Ralf Kerbach - Dresdner Freunde (1984)

Ralf Kerbach - Dresdner Freunde (1984)

‚Es gehört zu den großen Missverständnissen dieser Zeit, dass Kunst in eine Ost- und Westkunst aufgespalten wird, genauso gut könnte eine Nord- gegen eine Südkunst aufgestellt werden. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Öffnung des Eisernen Vorhangs gehört diese Betrachtungsweise in die Mottenkiste.’
(Ralf Kerbach, in: Kunst + Kultur, Mai 2009)


Sa 24.10. | 20 Uhr | Gedenkstätte Bautzner Straße | FREIGANG |

Das von der Tänzerin Fine Kwiatkowski und dem Musiker Willehad Grafenhorst gegründete Projekt cri du coeur präsentiert im ehemaligen Stasigefängnis eine multimediale Performance. Der Zellentrakt der heutigen Gedenkstätte bildet den räumlichen Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Hybris einer paranoiden Elite.

cri du coeur gezeichnet (Foto: Jan Bauer)

cri du coeur - gezeichnet (Foto: Jan Bauer)


Michel Doneda – Saxophone
Lothar Fiedler – Gitarre, Elektronik
Willehad Grafenhorst – Kontrabass-Balalaika, Elektronik, Video, Programmierung
Fine Kwiatkowski – Tanz, Video
Ina Kwiatkowski – Stimme
Heiner Reinhardt – Bassklarinette
Gottfried Röszler – Schlagwerk
Christoph Winckel – Kontrabass

Idee und Konzept – cri du coeur

Eintritt: 5 Euro – Ticket gilt auch für den Besuch der Ausstellungen in Prager Spitze und Motorenhalle


Diese Woche gibt es gleich zwei Kuratorenführungen: zunächst eine Sonderführung mit Frank Eckhardt am heutigen Dienstag um 16 Uhr im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis an der Bautzner Straße; am Samstag erwartet Paul Kaiser Sie dann ebenfalls um 16 Uhr zum Rundgang in der Prager Spitze. Anschließend gibt es Gelegenheit zur Diskussion der Ausstellung.