Das ND und die Extreme

Im “Neuen Deutschland” vom Montag beklagt Harald Kretzschmar, dass “konfrontationswütige Bewohner” und “garstiges Gezeter” Dresdner Diskurse in der Kunstszene und anderswo dominieren – holt dann aber selbst zum Rundumschlag aus, von dem auch wir nicht verschont bleiben:

Gar kein Zweifel, erlaubt ist, dass gezeigt und gerühmt werden soll, was aller Ehren wert ist – Widerstand und Verweigerung integrer Einzelkünstler gegen totalitäre Vereinnahmung. Aber kann es das einzig Gültigbleibende sein? Nach dem Motto, wer nicht zum Staatsfeind erklärt und außer Landes gejagt wurde, ist kein wahrer Künstler? Schreibt man so Kunstgeschichte? »Kunst und alternative Kultur vor und nach 89« nennt sich das diffus.

Da wird auf Teufel komm raus ausgegrenzt, was das Zeug hält. Da hat nie einer auf der Großkundgebung im November 89 den Redekommentar zu seinen längst wirksamen Bildern geliefert. Wer außerhalb des inneren Zirkels Auserwählter sich kontrovers verhielt, zählt nicht mehr. Wer keine einschlägige Aktenlage nachweist, ist out. In Wahrheit lautet die Devise dieser Ausstellung »OHNE EUCH!« Souverän erkundetes breites Spektrum künstlerischer Leistungen? Fehlanzeige.

Der Kurator und riesa efau-Geschäftsführer Frank Eckhardt hat auf diesen Artikel in einem Leserbrief geantwortet, den wir hier in voller Länge abdrucken:

Auf dem journalistischen Hund geblieben oder erst darauf gekommen?

Mit Freude lese ich, dass die Ausstellung OHNE UNS! auch dem ND einige Zeilen wert ist. Nach der alten Journalistenweisheit sind bad news ja good news. Soll ich mich nun also darüber freuen, dass die Leser/innen überhaupt von der Existenz der Ausstellung erfahren oder darüber ärgern, dass auch hier und jetzt noch Leser/innen des ND regelrecht falsch informiert werden? Gerade im thematischen Kontext dieser Ausstellung ruft dieser letztere Punkt bei mir ein eigenartiges, aber im Rückblick nicht ganz unvertrautes Gefühl hervor.
Dass der Autor es offenbar nicht einmal für nötig befunden hat, auch nur einen der Ausstellungsorte persönlich aufzusuchen, spricht nicht gerade für ein qualitätvolles Feuilleton. Vielleicht sollte man künftig den Ausstellungsbesuch zur Schreib-Bedingung machen?

Hier also einige Fakten.
In der 4 Orte Ausstellung OHNE UNS! wird mit Konzentration auf Dresden ein ausdrücklich nur beispielhafter Überblick zu Kunst und Künstler/innen vom Ende der 40er bis Ende der 80er Jahre gegeben, die sich dem sozialistisch-realistischen Formenkanon zugunsten eigener Ausdrucksweisen weitgehend entzogen haben. Diese Positionen werden ergänzt durch einige Arbeiten aus den 90er und 2000er Jahren, die teils den erinnernden Blick zurück in die DDR unternehmen, teils damals wichtige Ansätze unter den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen thematisieren und so auch die Wahrnehmung von immanenten Traditionslinien erlauben.
Wir geben den Überblick, den es in der DDR nie hatte geben sollen: Über die reiche Kunsttradition der Künstler/innen, die keine Widerstandskämpfer/innen waren, sich aber aus persönlichen und/oder künstlerischen Gründen der Einreihung in vorgeschriebene Bahnen verweigerten und dafür, gerade in den frühen Jahren, oftmals deutliche Benachteiligungen in Kauf genommen haben.
Natürlich geht es in der Ausstellung OHNE UNS! auch um die Darstellung unterschiedlicher künstlerischer Formen der Verweigerung gegenüber damaligen, sozialistisch genannten Zumutungen. Es geht aber bei dieser Ausstellung um Kunst und gerade nicht um welche Abteilung Agitation und Propaganda auch immer.

Mit weit über 100 beteiligten Künstler/innen kann man einen umfassenden Überblick zu vielen wesentlichen Positionen aus dieser Zeit erleben. Natürlich fehlen auch einige, für die Stadt oder auch darüber hinaus nicht unwesentliche künstlerische Stimmen. Einige fehlen aus wichtigem, nämlich thematischem Grund, einige wenige fehlen aufgrund von Beschränkungen, denen sich eine jede Ausstellung unterziehen muss.

Was die im Text erwähnten Großkundgebungen betrifft: Es gab diese und es gab auch die so genannten Wendehälse. Und es kam eben auch vor, dass beide zusammen kamen. Zudem: Vielleicht haben sich manche dieser Wendehälse ja schon zuvor ein- oder mehrfach hin und her gewendet, wer weiß? So mal schwarz (pardon: rot angestrichen) mal weiß? Zu dieser Fragestellung hilft vielleicht eine Diskussion zur Adorno-Frage nach dem richtigen Leben im falschen. Die ist zwar schon alt, aber für die Künstler/innen, die erst im November 1989 entdecken und dann vielleicht noch schnell auf Großkundgebungen propagieren mußten, dass sie eigentlich schon immer heroische Widerstandskämpfer/innen gewesen waren, ist die sicher noch ganz gut zu gebrauchen.

Es ist schade, dass die Gelegenheit, sich sachlich pointiert mit der Ausstellung zu beschäftigen, wirkliche Fragestellungen oder Diskussionspunkte aufzuwerfen, in dem Text mitsamt den Tatsachen so schnöde untergepflügt wurde.

Vielleicht machen sich einige ND Leser/innen selber ein Bild? Bis zum 17. Januar 2010 haben Sie Gelegenheit, die 4 Orte Ausstellung OHNE UNS! zu besuchen. Die Website als Info: www.ohne-uns-dresden.de

Mit freundlichen Grüßen
Frank Eckhardt
Kurator der Ausstellung OHNE UNS!

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