Der Start ins neue Jahr bedeutet gleichzeitig das große Finale für Projekt und Begleitprogramm. Wer die Ausstellung oder Teile davon noch nicht gesehen hat, sollte seine Pläne langsam konkretisieren – die Ausstellungsräume sind nur noch bis zum 17. Januar geöffnet.
Bevor das Begleitprogramm mit der Tagung im Hygienemuseum am 14./15. Januar endet, wartet das Filmprogramm noch einmal mit einigen Highlights auf: Zunächst zwei Dokumentarfilme von Thomas Heise am Dienstag und Mittwoch, darunter der 2009 zunächst auf der Berlinale gezeigte, vielbeachtete und -gelobte “Material”. In der Scheune gibt es am Donnerstag Filmsequenzen gegenkultureller Aktivitäten aus der Wendezeit zu sehen, zusammengestellt von Lothar Fiedler und mit kammermusikalischen Improvisationen begleitet von Heiner Reinhardt, Peter Koch und Hans-Jürgen Noak.
Am Samstag erzählt dann zum Abschluß Claus Lösers “Behauptung des Raums” die Geschichte der Leipziger Galerie Eigen+Art. Vor dem Film empfängt Claus Löser die Konzept- und Videokünstlerin Yana Milev zum öffentlichen Werkstattgespräch – mehr zum Samstagsprogramm in der kommenden Woche.

Di 5.1. | 20 Uhr | Motorenhalle

Material (2008) | Film von Thomas Heise – 166min

Man kann sich Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.

Demonstranten _vor dem ZK.8.11.1989

Gibt es Bilder, die wir vermissen im großen Geschichtspanorama der letzten zwanzig Jahre? Szenen, die den Weltenbruch Wende anders, neu erzählen? – Schlecht vorstellbar bei der Flut an Bildern und Tönen, die 2009 medial zu uns herabrieseln.
Und doch gibt es „Material“, den Film, 2008 von Thomas Heise aus altem Drehmaterial neu kompiliert. Der Film mäandert durch 20 Jahre deutscher Geschichte. Mit einem Blick, der immer leicht neben der Spur ist und damit, man weiß nicht wie, genau ins Zentrum trifft.

Mainzer Straße 1990

Das, was übriggeblieben ist, belagert meinen Kopf. Darin setzen sich all diese Bilder immer wieder neu zu etwas anderem zusammen, als zu dem, für das sie ursprünglich gedacht waren.

Silvester im Zuchthaus Brandenburg, eine Million Menschen am 4. November 89, zerlegt in Individuen, zitternde Genossen, Menschen, Landschaften, durchpflügt vom großen Welttheater. Wie heißt es bei Wolfgang Hilbig: Was für Eliten Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen. Auf 166min in epischer Breite bei Thomas Heise zu bestaunen.

(Text: Nils Werner)

Ausführliches Interview zum Film mit Thomas Heise (TAZ)

Mi 6.1. | 20 Uhr | Motorenhalle

Volkspolizei – Alltagsbeobachtung in einem Ostberliner Polizeirevier an der Mauer. – Dokumentarfilm 16 mm s / w 60 Min.
Buch und Regie: Thomas Heise.
Kamera: Peter Badel

Das größte Tabu war ein Film über die Polizei. Deswegen haben wir den Film gemacht, weil klar war, wir werden nach diesem keinen Film mehr machen können. (Thomas Heise)

Revier 14, Brunnenstraße – Berlin/Mitte. Einen Steinwurf weg vom „antifaschistischen Schutzwall“ geht ein Dienstkollektiv der Deutschen Volkspolizei beflissen seiner Arbeit nach. Zwei Feiertage, zwei große Staatsakte stehen an. Der 1. und der 8.Mai. Hauptkampftage für die Genossen in Grün. Es gilt potentielle Provokateure und Randalierer frühzeitig im Kiez aufzuspüren. Wer aufmuckt, rebelliert, wird „zugeführt“. Alle Jahre wieder…
Neu und anders ist diesmal nur eins: Ein Kamerateam begleitet die Vopos tagelang auf Schritt und Tritt. Genossen von der Staatlichen Filmdokumentation, beauftragt vom Ministerium – wie die Polizisten glauben. Ein folgenreicher Irrtum.
Denn Regisseur Thomas Heise und seinem Kameramann Peter Badel gelingt ein Coup, wie er einmalig ist in der Geschichte des Dokumentarfilms der DDR. Ohne Genehmigung des zuständigen Ministeriums des Inneren, ausgestattet lediglich mit der Filmtechnik, ein paar offiziellen Briefköpfen und dem Wissen um die Produktionsabläufe bei der „Staatlichen Filmdokumentation der DDR“, wagt sich das Duo an eine Guerilla-Filmaktion. In „offiziellem“ Auftrag erkunden sie die Arbeit der Kontrollorgane. Zumindest bis die Täuschung auffliegt und die staatlichen Stellen das gedrehte Material einkassieren.
Kein Material – kein Film: hier könnte die Geschichte der Film-Piraterie bereits zu Ende sein. Könnte… Doch gegen eine Flasche Schnaps kann Thomas Heise sein Material im Filmarchiv heimlich kopieren. Als „Brief an die Zukunft“, ohne Chance das Material jemals in der DDR öffentlich vorzuführen, bewahrt Heise den Film auf und beschert uns damit posthum, einen der präzisesten und intimsten Einblicke in die Arbeit der uniformierten „Freunde“. Ohne Kommentar. „Volkspolizei-1985“ – ein Unikat von Film über Macht und Widerstand in der DDR.

(Text: Nils Werner)

Do 7.1. | 20 Uhr | Scheune

Musik-Film-Performance

Heiner Reinhardt (Bassklarinette), Peter Koch (Cello) und Hans-Jürgen (Hansi) Noak (Violine, electr.) spielen kammermusikalisch durchgeführte Improvisationsmusik mit Einflüssen aus Jazz und neuer Musik. In den 1980er Jahren gehörten sie zu Vertretern der Free-Jazz Szene der DDR, die insbesondere in der Region Dresden eine breite Ressonanz fand und unterschiedlichen Formationen bildete. U.a. spielten Hansi Noak und Lothar Fiedler gemeinsam mit Gottfried Rößler als Musikbrigade zusammen, die bereits 1979 aus der Blues AG hervorging, zunächst als Quartett und noch mit dem Gründer Dietmar Diesner.
Die Improvisationsmusik verband sich damals und auch heute noch mit anderen Kunstformen, so arbeiteten die einzelnen Musiker in unterschiedlichen Projekten u.a. mit der Performerin Fine Kwiatkowski und dem Maler Helge Leiberg. Dies findet bis heute seine Fortsetzungen. Ausschnitte aus diesen Zusammenarbeiten und der Verbindung verschiedener Kunstformen werden während der Live-Improvisation an diesem Abend zu sehen sein – Filmsequenzen der 1980er und frühen 1990er Jahre, zusammengestellt von Lothar Fiedler.

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