Filmprogramm – „Aber wenn man so leben will wie ich“

30. September 2009 | 20 Uhr | Motorenhalle

Studentenfilme der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg 1979-1989

Zu Gast: Hannes Schönemann (im Gespräch mit Nils Werner)

„Die geistige Unterjochung und so, das geht nicht – sag mal, könnt ihr das überhaupt drehen?“ – Originalton Michael, DDR-Punk mit Ausreiseantrag. 1988 die Hauptfigur eines kleinen HFF-Studentenfilms von Bernd Sahling: „Aber wenn man so leben will wie ich“. Der Titel ist Programm und das kurze Dokfilmporträt: ein echter Exot auf volkseigener Leinwand.

Denn für abgedrehte Jugendliche, Kleinkriminelle und Soldaten, die vom Elend NVA berichten, ist im sozialistischen Kino kein Platz. Too much sozialistischer Realismus.

Dumm nur, dass sich ausgerechnet der Regienachwuchs der DDR zu ebenjenen Schattengewächsen im Garten der „sozialistischen Persönlichkeit“ magisch hingezogen fühlt. Und dafür dann auch mächtig einstecken muss.

Thomas Heise und Hannes Schönemann gehören zu den ersten, die 1979ff. die heile Hochschulfilmwelt der HFF zerschrammen und das, was man gemeinhin „ungeschminkte“ Wirklichkeit nennt, auch genauso filmisch bannen. Ohne Zensurschnitte, ohne Retusche: Draufhalten, zuhören, auch wenns schmerzt.
Wozu_denn_über_diese_Leute_einen_Film
Dozenten, Funktionären und den Genossen vom MfS passt das gar nicht: Aus „WOZU über DIESE Leute einen Film“ (O-Ton HFF-Dozent) wird „WOZU mit DIESEN Leuten noch weiter Film“ (OPV-Anweisung MfS). Letzter Ausgang: Ausreise (Schönemann) oder Theater/Kunst (Heise). Kommilitone Hans Ulrich Michel wirft sich 1985 vor den Zug. Apokalypse now: made in GDR. Es dauert 10 Jahre, bis neuer renitenter Nachwuchs sich langsam wieder reckt.

Andreas Dresen (genau der) wirft 1988 unzensierte Blicke auf den Makrokosmos NVA und erntet mit „Was jeder muss“ prompt ein Aufführungsverbot. Im gleichen Jahr betritt Bernd Sahlings Punk die Bühne. Und mit ihm seine Mutter. Passions-Szenen. Und die Vorwegnahme zweier Untergänge: 1.) Die DDR: ein Staat, wo „du getreten wirst, wenn du dich ein bisschen anders bewegst“ 2.) Der Junge: „Michael lebt in einer Streichholzschachtel, das ist das Problem.“ (beide Originalton Mutter).

Kurz nach der Wende stirbt Michael, „ein intelligenter Junge mit Kraft in der Seele“ (Zeitschrift Sonntag 1988). Ein paar Kilometer weiter. In West-Berlin. An den Folgen einer Überdosis Heroin.

Sonnabend_Sonntag
Hannes Schönemann
Sonnabend, Sonntag, Montag früh

– 1979 – 45min

Thomas Heise
Wozu über diese Leute einen Film

– 1979/80 – 33min

Andreas Dresen
Was jeder muß

– 1988 – 16min

Bernd Sahling
Aber wenn man so leben will wie ich

– 1988 – 20min

Ausführliche Filmbeschreibungen + Biografien

Kulturtipp beim Deutschlandradio (mp3)

Text + Filmauswahl: Nils Werner –
Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Kinemathek

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