Gedenkstätte Bautzner Straße – RundgangDie Ausstellung OHNE UNS! zeigt an den beiden Hauptorten, der Prager Spitze (Prager Str. 2a) und der Motorenhalle (Wachsbleichstr. 4a) vornehmlich Kunstwerke aus der Zeit zwischen dem Ende der 40er und dem der 80er Jahre. Dazu gibt es zwei Exkurse: den in den Lichthof des Dresdner Rathauses sowie den zur Gedenkstätte Bautzner Str., zum ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit für den Bezirk Dresden. Zu den einzelnen Arbeiten: Andreas Hegewald – FIX NIX (2009) Ein Ensemble aus Malerei, Skulptur, Zeichnung als Installation und Videoaufzeichnung in zwei Räumen und in drei Teilen: I. Das Verhör Malerei 1982 Die Arbeit von Andreas Hegewald setzt sich aus Teilen zusammen, die aus unterschiedlichen Zeiten stammen und nur hier zusammen als Installation gezeigt werden. Tobias Stengel – WENN ES RNST WIRD IST DER ORT EGAL (2007/2009) „Die Arbeit verweist auf den grenzenlosen menschlichen Geistes. Ein freier Geist ist nicht in drei Dimensionen einzufangen. Das Beschreiben einer Zellenwand – Spiegel der Notwendigkeit – ist Ausdruck existenzieller Äußerungen.“ Das Beschreiben der Wand der ehemaligen Dunkelzelle mit auf den Rücken gefesselten Händen ist ein Akt, der unter Ausschluss jedes Publikums (nur der Fotograf Andreas Seeliger war zur Dokumentation anwesend) eine Verbindung mit existentiellen Situationen herstellt. Indem sich der Künstler in das Gefühl einer solchen hineinversetzt – mit allem Wissen natürlich, dass es sich nicht wirklich um eine handelt – kann er diese Geste als eine für ihn Existentielle erarbeiten. Martin Zet – Biograph (2009) 1) Die Wand als Projektionsfläche, als Bildschirm 2) Die Wand als Aufnahmemedium 3) Die Wand als Emitter In seiner Arbeit überlagert Martin Zet die Wand der Dresdner Zelle mit der Videoaufnahme von der Wand der Zelle im Prager Gefängnis Pankrác, in der Julius Fucik die ‚Reportage unter dem Strang geschrieben’ schrieb. Stefan Nestler – Die Kiste (2009) Die Installation der deformierten Kiste füllt den Raum aus. Es ist möglich, das Objekt zu umlaufen, in das schwarze Loch des Innern zu blicken, einen klassischen Blick im Sinne einer traditionellen Skulptur kann es nicht geben. Die Außenhaut der Installation besteht aus Material von Teekisten. Diese dienten in DDR – Zeiten nicht nur gelegentlich als Sitzmöbel, sondern vor allem vielen tausenden Menschen, die das Land verließen, als Umzugskisten. In den 80er Jahren waren übrigens bis zu 80% der Gefangenen in dieser Stasi-Untersuchungshaftanstalt Menschen, die das Land verlassen wollten. Detlef Schweiger – umstellt (2009) Um sich der Installation wirklich auszusetzen, stellt man sich am besten in die Mitte des Raumes. Es geht bei der Klangcollage natürlich nicht um eine Rekonstruktion der Kommunikation der staatlichen Kräfte Anfang Oktober in Dresden. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass viele Beteiligte und Unbeteiligte zugeführt, also verhaftet und in verschiedene Gefängnisse verbracht wurden. Wichtiger für die Rezeption ist das sich hineinversetzen in das Gefühl, dass es keinen Ausweg, keine Lösung geben könnte. Detlef Schweiger ist übrigens, anders als sein Geburtsort vermuten lassen könnte, in der DDR aufgewachsen. Rainer Görß – Schwarze Listen aufstellen (2009) Die großen Tafeln lehnen an den Wänden. Es sind aufgezeichnete, aufgeklebte, aufkopierte, aufgebrachte Zeichen, Worte Lineaturen, dazwischen, darüber, darunter herunter laufendes Schwarz. Die in Antiqua gedruckten Versalien, die lateinische Wörter wiedergeben, können an Postskriptionslisten erinnern, die im antiken Rom Namen von Geächteten – oft politischen Gegnern – bekannt machten, die straflos zu töten waren. Die Verweise auf die jüngeren Kapitel deutscher Geschichte sind deutlich. Schwarze Listen gab es und gibt es. Systemübergreifend. Nasan Tur – Bautzner Straße 112a (2009) Die scheinbar unscheinbaren Fotos, die sich um die Wände der Zelle ziehen, sind von innen gemachte Fotos aller geschlossenen Zellentüren der dritten Etage dieses Gefängnisses. Eine leicht variierende Reihung, die mühelos ins Unendliche fortgeführt werden könnte und letztlich auf alle Zellen verweist, in denen Menschen aufgrund obskurer Verhältnisse gefangen waren, sind oder sein werden. Twin Gabriel – Wandel durch Annäherung (2003/09) Am Kopfende der Zelle das große Foto eines Mannes. Ein Europäer, der eine Mao-Uniform trägt. Ausdruck der Kulturevolution. Er allein, im Hintergrund Hochhäuser, sein Kopf genau in einem dieser, im Hintergrund von links ein Stück grünästhetische Mauer, im unmittelbaren Hintergrund abgeräumte Marktbänke. Ein wahnwitzig ästhetisches Foto in schönen Farben. In der Nachbarzelle sind zwei weitere inszenierte Szenen aus dieser Serie zu sehen. An der Stirnseite ein Kind von vielleicht vier Jahren, an exakt derselben Stelle wie der Mann, ebenfalls in Mao-Uniform, aber in starker Untersicht fotografiert. Der Kopf genau zwischen den Häusern vor dem Himmel. Worauf verweist das Bild? Auf die ideologische Vereinnahmung von Kindern? Auf das Kind, das potentiell und in der Projektion über alle bestehenden Verhältnisse hinauswächst? An der rechten Seite eine Frau, im selben Kontext, aber etwas versetzt fotografiert. Sie trägt ein kleineres Kind in einem westlich anmutenden Tragegestell. Der Gesichtausdruck und die Haltung martialisch. Das Denkmal der werktätigen Mutter? Im Hintergrund einige Menschen auf dem fast leeren Marktgelände. Das Rund der Hochhäuser bildet einen geradezu amphitheatralischen Rahmen. Das Blau der Kleidung, der hellgraue Himmel, die blassgrünen Tische, die chromoxidgrüne Wall, der Eimer – eine Kaskade von Farben, wie stehen diese zu den im Bild angedeuteten Spannungen? Gabriele Kachold – Zelle 5 Im Jahre 1976 gehörte Gabriele Kachold zu den DDR- Bürgern, die gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierten. Daraufhin wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Am 4. Dezember 1989 gehörte sie zu der Gruppe von fünf Frauen, die die Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale anführten. Im Jahre 1990 führte sie die Performance Zelle 5 in der Zelle auf, in der sie in Untersuchungshaft festgehalten worden war. Sie nutzt und überhöht alltägliche Handlungen von Gefangenen anhand von Brot und Marmelade. Das Brot ist groß, kann ausgehöhlt, als Reinigungsgummi für die Wände verwendet werden, die Marmelade ist rot. Matthias Jackisch – 2. Mai bis 4. November 1975 Der Titel verweist auf die Haftzeit des von Matthias Jackisch Portraitierten in diesem Gefängnis. Sind vom Künstler in der Prager Spitze Arbeiten aus den 80ern zu sehen, die dem avantgardistischen Gestus verpflichtet sind, speziell seine Stein – Papier Plastik ‚Das Boot’, bezieht er sich in dieser neuen, zweiteiligen Installation geradezu auf die Formensprache der Florentiner Frührenaissance. Er sagt: Um Neues zu schaffen, genügt es nicht mehr, den Avantgardismen hinterher zu jagen, man muss wieder ganz vorn ansetzen. Die Blicke der beiden Köpfe der einen Person gehen aneinander vorbei, zum Ausgang wie auch zu Boden gerichtet. Susanne Hanus – Warten (2009) Die Installation besteht aus einem Netz im oberen Bereich der Zelle und den Schatten von Menschen, die in unterschiedlichen Posen an der Wand lehnen oder auf dem Boden liegen. Das Gespinst erinnert an die kühnen Konstruktionen von Wladimir Tatlin oder anderen Avantgardisten. Oder droht es herabzusinken und jede Bewegung zu ersticken? Zu wem und zu welcher Zeit gehören die Schatten? Text: Frank Eckhardt |
||
|
RSS |
||