Gedenkstätte Bautzner Straße – Rundgang

Die Ausstellung OHNE UNS! zeigt an den beiden Hauptorten, der Prager Spitze (Prager Str. 2a) und der Motorenhalle (Wachsbleichstr. 4a) vornehmlich Kunstwerke aus der Zeit zwischen dem Ende der 40er und dem der 80er Jahre. Dazu gibt es zwei Exkurse: den in den Lichthof des Dresdner Rathauses sowie den zur Gedenkstätte Bautzner Str., zum ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit für den Bezirk Dresden.
In der dritten Etage waren Künstler/innen eingeladen, mit Bezug auf diesen Ort zu arbeiten. Es gab bei der thematischen Ausformung keinerlei Vorgaben, nur Diskussionen und Gespräche im Prozess der Ideenfindung oder -umsetzung.
Die Arbeiten beziehen sich allesamt nicht nur auf den konkreten Ort, sondern beziehen potentiell oder ausdrücklich andere Zeiten oder Unterdrückungssysteme, in denen Menschen wegen ihrer Sehnsucht nach Freiheit dieser beraubt wurden oder werden, mit ein.

Zu den einzelnen Arbeiten:

Andreas HegewaldFIX NIX (2009)

Ein Ensemble aus Malerei, Skulptur, Zeichnung als Installation und Videoaufzeichnung in zwei Räumen und in drei Teilen:

I. Das Verhör Malerei 1982
II. Am Boden Holzskulptur 1985
III. any new dimensions – 80 Köpfe Zeichnungen 2000

Die Arbeit von Andreas Hegewald setzt sich aus Teilen zusammen, die aus unterschiedlichen Zeiten stammen und nur hier zusammen als Installation gezeigt werden.
‚Das Verhör’ entstand, nachdem der Künstler in genau diesem Gebäudekomplex einem solchen unterworfen worden war. Dabei ging es um den Vorwurf der Spionage. Andreas Hegewald hatte sich auch während einer Einberufung zur Reserve künstlerisch mit schriftähnlichen Zeichenfolgen befasst. Nach monatelangen Untersuchungen wurde der Vorwurf fallen gelassen.
Die am Boden liegende Skulptur bildet den materiellen Kern der Installation, birgt unweigerlich die Spannung zum Thema des Bildes.
Dem gegenüber die an die Wand projizierten Zeichnungen, fast zwei Jahrzehnte später entstanden. Flüchtig, bar jeder materiellen Existenz treten sie je an die Stelle ihrer Vorgängerin. In ihrer Lineatur erinnern sie mich an Zeichnungen des italienischen Manierismus des 16. Jahrhunderts. Das Gewellte der Haare, die Arabesken, die Gesicht und Hals bilden, die oft stechend herausgearbeiteten Augen: es entstehen Typenköpfe, die wiederum keinen Typen zuzuordnen sind.
Sie entstehen und verschwinden auf der Wand des ehemaligen Gefängnisganges und reagieren auf die Werke in der Zelle, indem sie herüberblicken oder diesen Blick vermeiden oder verweigern.

Tobias StengelWENN ES RNST WIRD IST DER ORT EGAL (2007/2009)

„Die Arbeit verweist auf den grenzenlosen menschlichen Geistes. Ein freier Geist ist nicht in drei Dimensionen einzufangen. Das Beschreiben einer Zellenwand – Spiegel der Notwendigkeit – ist Ausdruck existenzieller Äußerungen.“
Tobias Stengel, August 2009

Das Beschreiben der Wand der ehemaligen Dunkelzelle mit auf den Rücken gefesselten Händen ist ein Akt, der unter Ausschluss jedes Publikums (nur der Fotograf Andreas Seeliger war zur Dokumentation anwesend) eine Verbindung mit existentiellen Situationen herstellt. Indem sich der Künstler in das Gefühl einer solchen hineinversetzt – mit allem Wissen natürlich, dass es sich nicht wirklich um eine handelt – kann er diese Geste als eine für ihn Existentielle erarbeiten.
Der Satz: WENN ES RNST WIRD IST DER ORT EGAL wurde angeregt von dem Buch eines ehemaligen politischen Gefangenen, der über den Wandel der Ernsthaftigkeit von Inschriften in Zellen vom Polizeigewahrsam bis zur Todeszelle aus eigener Erfahrung in einer anderen Zeit geschrieben hatte. Das zerstörte Auto nimmt den Bezug des Satzes noch einmal auf, in diesem Wagen hatte der Autor nach der Todeszelle einen schweren Unfall überlebt.

Martin ZetBiograph (2009)

1) Die Wand als Projektionsfläche, als Bildschirm
Die Person sieht an die Wand, die leere Wand. Diese ist in Julius Fuciks „Reportage unter dem Galgen geschrieben“ als Projektionsfläche beschrieben. Die Häftlinge sitzen davor, warten bis sie an die Reihe kommen, befragen ihr Leben und ihre Befürchtungen. Sie nennen das Zimmer mit der Bank und die leere Wand Biograph – Kino.

2) Die Wand als Aufnahmemedium
Wenn die Nadel in der Lage ist, Sound in einer Wachsschicht aufzuzeichnen, das Licht die Bilder auf dem Film, warum könnten dann nicht das Gegenwärtig-, das Dasein, die Geräusche, das Licht, die Gedanken Spuren auf der Architektur hinterlassen? Ist es dann möglich, die Wand als Medium zu bezeichnen, auf dem das Geschehen innerhalb des Raums registriert ist? Ist es möglich, über die Wand, als Medium zu sprechen, das nicht nur sichtbare Dinge aufzeichnet, sondern auch die inneren Projektionen der Menschen?

3) Die Wand als Emitter
Aber wer weiß – die gesamte Konstruktion mag falsch sein – vielleicht handelt es sich bei der Wand nicht nur um eine bloße Oberfläche oder ein Aufnahmemedium, vielleicht überwacht sie uns, projiziert Geschichte in uns hinein, es ist die Mauer, die etwas in unseren Geist überspielt… (nach Martin Zet, 2009)

In seiner Arbeit überlagert Martin Zet die Wand der Dresdner Zelle mit der Videoaufnahme von der Wand der Zelle im Prager Gefängnis Pankrác, in der Julius Fucik die ‚Reportage unter dem Strang geschrieben’ schrieb.
Damit befragt er künstlerisch die Zellenwand auf ihre mögliche Funktion als Projektionsfläche, als Medium für die Aufnahme und als aktiver Sender von Geschichte, Gefühlen, Vorgängen in dem und aus dem Raum.

Stefan NestlerDie Kiste (2009)

Die Installation der deformierten Kiste füllt den Raum aus. Es ist möglich, das Objekt zu umlaufen, in das schwarze Loch des Innern zu blicken, einen klassischen Blick im Sinne einer traditionellen Skulptur kann es nicht geben. Die Außenhaut der Installation besteht aus Material von Teekisten. Diese dienten in DDR – Zeiten nicht nur gelegentlich als Sitzmöbel, sondern vor allem vielen tausenden Menschen, die das Land verließen, als Umzugskisten. In den 80er Jahren waren übrigens bis zu 80% der Gefangenen in dieser Stasi-Untersuchungshaftanstalt Menschen, die das Land verlassen wollten.

Detlef Schweigerumstellt (2009)
Klang-Installation (4-Kanal echtquadro) unter Verwendung von Tonbandmitschnitten des Funkverkehrs der Stasi während der Demonstrationen in Dresden im Oktober 1989

Um sich der Installation wirklich auszusetzen, stellt man sich am besten in die Mitte des Raumes. Es geht bei der Klangcollage natürlich nicht um eine Rekonstruktion der Kommunikation der staatlichen Kräfte Anfang Oktober in Dresden. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass viele Beteiligte und Unbeteiligte zugeführt, also verhaftet und in verschiedene Gefängnisse verbracht wurden. Wichtiger für die Rezeption ist das sich hineinversetzen in das Gefühl, dass es keinen Ausweg, keine Lösung geben könnte. Detlef Schweiger ist übrigens, anders als sein Geburtsort vermuten lassen könnte, in der DDR aufgewachsen.

Rainer GörßSchwarze Listen aufstellen (2009)

Die großen Tafeln lehnen an den Wänden. Es sind aufgezeichnete, aufgeklebte, aufkopierte, aufgebrachte Zeichen, Worte Lineaturen, dazwischen, darüber, darunter herunter laufendes Schwarz. Die in Antiqua gedruckten Versalien, die lateinische Wörter wiedergeben, können an Postskriptionslisten erinnern, die im antiken Rom Namen von Geächteten – oft politischen Gegnern – bekannt machten, die straflos zu töten waren. Die Verweise auf die jüngeren Kapitel deutscher Geschichte sind deutlich. Schwarze Listen gab es und gibt es. Systemübergreifend.

Nasan TurBautzner Straße 112a (2009)

Die scheinbar unscheinbaren Fotos, die sich um die Wände der Zelle ziehen, sind von innen gemachte Fotos aller geschlossenen Zellentüren der dritten Etage dieses Gefängnisses. Eine leicht variierende Reihung, die mühelos ins Unendliche fortgeführt werden könnte und letztlich auf alle Zellen verweist, in denen Menschen aufgrund obskurer Verhältnisse gefangen waren, sind oder sein werden.

Twin GabrielWandel durch Annäherung (2003/09)
Prints

Am Kopfende der Zelle das große Foto eines Mannes. Ein Europäer, der eine Mao-Uniform trägt. Ausdruck der Kulturevolution. Er allein, im Hintergrund Hochhäuser, sein Kopf genau in einem dieser, im Hintergrund von links ein Stück grünästhetische Mauer, im unmittelbaren Hintergrund abgeräumte Marktbänke. Ein wahnwitzig ästhetisches Foto in schönen Farben.
Der Einzelne steht auf dem leeren, eben noch belebt gewesenen Markt, Die Wohnmaschinen zeugen von Menschenmassen, ebenso wie die Uniform. Was ist den Einzelnen und mit den Einzelnen in jenen Uniformen geschehen, als diese noch allgegenwärtig waren?

In der Nachbarzelle sind zwei weitere inszenierte Szenen aus dieser Serie zu sehen. An der Stirnseite ein Kind von vielleicht vier Jahren, an exakt derselben Stelle wie der Mann, ebenfalls in Mao-Uniform, aber in starker Untersicht fotografiert. Der Kopf genau zwischen den Häusern vor dem Himmel. Worauf verweist das Bild? Auf die ideologische Vereinnahmung von Kindern? Auf das Kind, das potentiell und in der Projektion über alle bestehenden Verhältnisse hinauswächst?

An der rechten Seite eine Frau, im selben Kontext, aber etwas versetzt fotografiert. Sie trägt ein kleineres Kind in einem westlich anmutenden Tragegestell. Der Gesichtausdruck und die Haltung martialisch. Das Denkmal der werktätigen Mutter? Im Hintergrund einige Menschen auf dem fast leeren Marktgelände. Das Rund der Hochhäuser bildet einen geradezu amphitheatralischen Rahmen. Das Blau der Kleidung, der hellgraue Himmel, die blassgrünen Tische, die chromoxidgrüne Wall, der Eimer – eine Kaskade von Farben, wie stehen diese zu den im Bild angedeuteten Spannungen?

Gabriele KacholdZelle 5

Im Jahre 1976 gehörte Gabriele Kachold zu den DDR- Bürgern, die gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierten. Daraufhin wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Am 4. Dezember 1989 gehörte sie zu der Gruppe von fünf Frauen, die die Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale anführten. Im Jahre 1990 führte sie die Performance Zelle 5 in der Zelle auf, in der sie in Untersuchungshaft festgehalten worden war. Sie nutzt und überhöht alltägliche Handlungen von Gefangenen anhand von Brot und Marmelade. Das Brot ist groß, kann ausgehöhlt, als Reinigungsgummi für die Wände verwendet werden, die Marmelade ist rot.

Matthias Jackisch2. Mai bis 4. November 1975

Der Titel verweist auf die Haftzeit des von Matthias Jackisch Portraitierten in diesem Gefängnis. Sind vom Künstler in der Prager Spitze Arbeiten aus den 80ern zu sehen, die dem avantgardistischen Gestus verpflichtet sind, speziell seine Stein – Papier Plastik ‚Das Boot’, bezieht er sich in dieser neuen, zweiteiligen Installation geradezu auf die Formensprache der Florentiner Frührenaissance. Er sagt: Um Neues zu schaffen, genügt es nicht mehr, den Avantgardismen hinterher zu jagen, man muss wieder ganz vorn ansetzen. Die Blicke der beiden Köpfe der einen Person gehen aneinander vorbei, zum Ausgang wie auch zu Boden gerichtet.

Susanne HanusWarten (2009)

Die Installation besteht aus einem Netz im oberen Bereich der Zelle und den Schatten von Menschen, die in unterschiedlichen Posen an der Wand lehnen oder auf dem Boden liegen. Das Gespinst erinnert an die kühnen Konstruktionen von Wladimir Tatlin oder anderen Avantgardisten. Oder droht es herabzusinken und jede Bewegung zu ersticken? Zu wem und zu welcher Zeit gehören die Schatten?

Text: Frank Eckhardt