Do 10.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Peter Geist im Gespräch mit Jayne-Ann Igel

Es gibt nur noch flüchtlinge in diesem land, wir haben es nur nicht
wahrhaben wollen – gibt es denn ein ziel, hier, das sich für irgendjemand
lohnte? Und der weggang ins andere land – was früher die ausreise war, ist
heute der tod – ?… Am schienenstrang vorzugsweise… In diesem stammland
der lager, der lagerbildungen, der ausflüchte – Sind sie nicht alle
irgendwann zurückgekommen, wieder angeschwemmt, all die, die nicht sterben
können, weil sie nie gelernt haben, zu leben …
Jayne-Ann Igel – “unerlaubte entfernung” (2004)

Die Lyrikerin Jayne-Ann Igel war vor 1989 in der Literatur-, Kunst- und Musikszene in Leipzig, Dresden und Berlin aktiv. Ihre lyrischen Arbeiten, die ab 1982 entstanden, verband sie oftmals mit Arbeiten verschiedener bildender Künstlern (u.a. Detlef Schweiger, Erika Enders, Claudia Reh, Tobias Stengel). So entstanden in den 80er Jahren mehrere Graphik-Gedichte-Mappen im Selbstverlag und Zeitschriften-Projekte im Samisdat – derartige Produktionen außerhalb des offiziellen Kulturbetriebs wurden von den Behörden stets mit Argwohn beobachtet und automatisch im Kontext politischen Widerstands gesehen. Ab 1988 arbeitet sie hauptsächlich als freiberufliche Schriftstellerin.
Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Peter Geist reflektiert sie ihre Erfahrungen mit der Dresdner Gegenkultur und deren Vernetzung mit den Szenen in Leipzig und Berlin.

Fr 11.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Kritik- und Diskussionsabend mit den Kuratoren

Elf Wochen nach der Eröffnung stellen sich die beiden Kuratoren Frank Eckhardt und Paul Kaiser einer Diskussion zur Konzeption der Ausstellung „OHNE UNS!“

Sa 12.12. | 16 Uhr | Motorenhalle

Kunstgespräch mit Gwendolin Kremer

Wolfram Adalbert Schefflers Vorreiterrolle in der alternativen Kunstszene der DDR – zwischen Punk und Boheme – war Provokation und Inspiration. Seine Arbeiten beeinflussten Künstler in Dresden, Berlin und Leipzig, aber Scheffler behielt es sich stets und bis heute vor, keiner spezifischen Gruppierung oder Richtung anzugehören. Gemälde und Zeichnungen des heute in Berlin lebenden Künstlers stehen im Mittelpunkt des Kunstgesprächs.

Di 8.12. | 20 Uhr | Scheune | Alaunstraße 36|40

Filmabend | Das alte Lied (1991) | Ula Stöckl

Katharina will eine alte Liebe zu Ende träumen, „ihr“ Haus in Dresden wieder bewohnen und endlich im Kreise aller Lieben Weihnachten feiern. Wollen das die Enkel auch? Trotz derselben Sprache haben sie Verständigungsschwierigkeiten. Noch – Dresden 1990 – ist alles offen.

Der Moment Dresden 1990 war nicht der Moment Dresden 1989, meinem ersten Dresdenbesuch, bei dem ich auf noch ganz andere Weise junge Menschen angetroffen habe, deren Offenheit im Dezember 1990 bereits verschwunden war. Sie waren schon verhärteter, sie waren schon fertig mit der Demokratie.

Das_alte_Lied

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die weder den Westdeutschen noch den Ostdeutschen sehr gefällt. Aber aus unterschiedlichen Gründen. Eines schönen Sonntagnachmittags, völlig überraschend, betreten die Besitzer aus dem Westen als die Herren dieser Liegenschaften im Osten die Gärten und Häuser, sich überhaupt nicht darum kümmernd, dass da andere Familien, Kinder, junge Menschen, schon alte Menschen, inzwischen vierzig Jahre dort leben, völlig legitim aus ihrer Sicht.

Elbe_1

Mir kam es darauf an, Schauspieler zu finden, die vor allem diese Erfahrung nachvollziehen konnten und schon aus diesem Grund nicht aus dem Westen kommen sollten. Aber auch in Bezug auf die Sprache hatte ich das Gefühl, dass ich diesen Film nicht mit Westschauspielern machen sollte. Ich habe sehr darauf geachtet, dass alles, was im Film an Sprache vorkommt, im Einverständnis mit den Schauspielern aus Dresden inszeniert wird.

Ula Stöckl, 1938 in Ulm geboren, realisierte über 20 Filme, zu denen sie die Drehbücher fast immer selbst schrieb und die sie meistens auch produziert oder co-produziert hat.
Für ihren Filme „Schlaf der Vernunft“ erhielt sie 1984 den Deutschen Filmpreis und den Preis der Deutschen Filmkritik. Ula Stöckl gehörte lange Jahre zum Auswahlgremium für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Von der Akademie der Künste wurde Ula Stöckl 1999 für ihr bisheriges Lebenswerk mit dem Konrad-Wolf-Filmpreis geehrt.
Seit den 1980er Jahren lehrt sie Regie in Australien, Deutschland, den USA. Zur Zeit ist sie Professorin an der University of Central Florida.

(Text: Nils Werner / Zitate: Ula Stöckl)
Das angekündigte Gespräch mit Clara Burckner entfällt leider.
Mehr zum Film hier


Mi 9.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Vortrag von Harald Kunde | A.R. Penck: Rebell ohne Erbe?

Modellfall Penck? Überlegungen zur möglichen Wirkungsgeschichte eines Einzelgängers

Ausgehend von den unterschiedlichen Kunstverhältnissen der beiden deutschen Staaten bis 1980, dem Jahr der Ausbürgerung Pencks, untersucht der Referent an signifikanten Beispielen die Werkentwicklung des Künstlers und verdeutlicht ihren singulären Status innerhalb der DDR-Kunst.

A.R. Penck - Blaues Selbstbildnis - 1962

A.R. Penck - Blaues Selbstbildnis - 1962
(In der Prager Spitze)


Den Schwerpunkt des Vortrags aber bilden Überlegungen zur Wirkungsgeschichte des Penckschen Ansatzes bis zur Gegenwart, die sich auf unmittelbare künstlerische Begegnungen ebenso beziehen wie auf mittelbare Beeinflussungen und Wahlverwandtschaften.

Do 3.12. | 20 Uhr | Prager Spitze

Susanne Altmann im Gespräch mit Angela Hampel, Sigrun Hellmich und Heidemarie Dreßel (sezession’89)

Mit Angela Hampel, Sigrun Hellmich und Heidemarie Dreßel treffen drei Mitbegründerinnen der “Dresdner Sezession ‘89″ aufeinander. Als loser Gesprächs- und Aktionskreis in den späten 80er Jahren entstanden, bündelte die Sezession die Interessen von Künstlerinnen, die sich im männlich dominierten sowohl offiziellen wie auch inoffiziellen Kunstbereich ungenügend repräsentiert fanden. Mit der spektakulären Installation “INNEN AUSSEN” im März 1987 in der Dresdner Galerie Mitte gaben die späteren “Mütter der Sezession” ihren vieldiskutierten Einstand. Die Ablehnung vonseiten vieler Kollegen trug dazu bei, dass Absicht und Ziele einer künftigen Künstlerinnenvereinigung noch eindeutiger formuliert wurden. Das Werk von Angela Hampel steht dabei exemplarisch und schon seit Beginn der 80er Jahre für die programmatische Suche nach einer radikal weiblichen Bildsprache, die durch Elemente aus Punk- und anderen Subkulturen noch verschärft wurde. Im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Susanne Altmann wird auch zur Sprache kommen, wie entscheidend das Erscheinen von Christa Wolfs Essay “Kassandra” (1983) die bildnerische Selbstfindung von Frauen bestimmt hat.

Bereits um 19 Uhr bietet Susanne Altmann eine zusätzliche Führung durch den von ihr kuratierten Ausstellungsteil über weibliche Subversion in der späten DDR-Kunst an.


Heute in der Berliner Zeitung: Das Panorama der Renitenten – eine Ausstellungsrezension von Ingeborg Ruthe


Weiterhin überwältigend ist das hohe Interesse an unseren Filmabenden. Gestern abend haben sich wesentlich mehr Menschen auf den Weg gemacht und dabei fiesem Dauerregen getrotzt, als in den Scheune-Saal zu packen waren – dokumentiert in der Diskussion beim Neustadt-Ticker. Ein weiterer Termin ist im Gespräch – wir müssen es wegen des komplexen Abstimmungsprozesses mit einem Vorbehalt versehen – und wird im Erfolgsfall natürlich hier bekanntgegeben. Auf jeden Fall gibt’s noch zwei weitere Gelegenheiten, uns mit einem Publikumsansturm auf die Scheune zu überraschen: bei Ula Stöckls Wendefilm “Das Alte Lied” (8.12.) und einem Konzertabend mit Lothar Fiedler und weiteren Neustädter Filmsequenzen (7.1.).

Zwei hilfreiche Texte mit Hintergrundinformationen zu den Ausstellungen in Motorenhalle und der Gedenkstätte Bautzner Straße haben wir zusätzlich online gestellt: Frank Eckhardt erläutert und kommentiert die Auswahl der Arbeiten in der Stasi-Gedenkstätte hier (auch als pdf).

Und als kleine Entscheidungshilfe für den Erwerb unseres aufwändigen und hochinformativen Begleitbuchs stellen wir den ausführlichen Artikel “Zeitheimat – eine bildgewordene Reminiszenz” von Gwendolin Kremer über Werke und Generationserfahrung der in der Motorenhalle präsentierten Künstler als pdf-Download zur Verfügung:

gwendolin kremer - zeitheimat

Dresden von unten

Mi 25.11. | 20 Uhr | Prager Spitze | Vortrag

Christoph Tannert – Die Funktionäre sind im Widerstand

45minütiger Vortrag mit Bild- und Tonunterstützung

Christoph Tannert, 1955 in Leipzig geboren, profilierter Kunstkritiker und Kurator, war als Begleiter und Chronist der unabhängigen Kunst der späten DDR ein zentraler Akteur der damaligen alternativen Szene. Er arbeitet derzeit als Geschäftsführer im Künstlerhaus Bethanien in Berlin.

Immer wieder brachen in der Kunst der DDR, sehr zum Ärger der Ideologen, skeptische Tendenzen auf.
Wie schon in den Optimismus verweigernden Bildern und Skulpturen von Jürgen Böttcher-Strawalde, A.R. Penck, Peter Herrmann, Peter Graf (seit Mitte der 50er Jahre) oder in den Eigenwilligkeiten von Eberhard Göschel, Hans Scheib, Reinhard Stangl, Helge Leiberg, Veit Hofmann, Ralf Kerbach, Conny Schleime, Wolfgang Smy, Lutz Fleischer, Petra Zerche (Kasten), Christine Schlegel, Hubertus Giebe, Eva Anderson, Michael Hengst, Andreas Hegewald, Jörg Sonntag u.a. in den 1970er und 80er Jahren deutlich wurde, interessierte der tiefrote Agitprop niemanden mehr. Mit diesen Künstlern, obwohl manche durchaus gelehrig und traditionsbewusst pinselten, war kein Staat zu machen. Aber das Gleichgewicht zwischen Ja- und Neinsagern hielt lange.
Die Patt-Situation zwischen Bremsern und Veränderern, das nervenaufreibende Hick-Hack um das Aufbrechen der Dogmen und der mal stärker werdende, dann wieder abflauende Selbstbehauptungswille der Künstlerinnen und Künstler in der DDR nach der Mitte der 1970er Jahre ist symptomatisch für das Wechselspiel zwischen Opposition und Kollaboration. Bis zum Ende der DDR stehen alle staatlichen Handlungen und der Versuch der Künstler, sich gegen die staatlichen Kontrollstrategien zu behaupten unter den gleichen Vorzeichen.
Zwar war unter den Ideologen der DDR immer vom lebendigen Sein und von der Welt in ihrer “Selbstbewegung” (Lenin) die Rede, aber dennoch blieb alles beim Statischen und im Rahmen von der seit Hegel dominierten Werkästhetik.
Das ideologische Ziel war, anti-sozialistisch gesehen, etwas, das auf keine Kuhhaut mehr ging, etwas Saublödes, für das sich die Hirnrinde zusehends zu schämen begann. Dennoch lief alles weiter wie bisher. Bis in Dresden die Autoperforationsartisten auftauchten…
(Text: C.Tannert)

Hingehen,…

…empfiehlt Gregor Kunz, Autor, Dichter und Mitbegründer der BRN, nach Besichtigung von drei Ausstellungsteilen in der Wochenendausgabe der Sächsischen Zeitung (kompletter Text hier, leider nur für SZ-Abonnenten):

Ohne uns – das klingt nach konsequenter Verweigerung, entschlossener Abkehr, heroischem Widerstand. Was den Künstler aber auszeichnet, ist die Relevanz seiner Arbeit, nicht sein schöner Charakter. Es gab in den Kunstszenen jener Jahre lebhaftes Interesse am Projekt Sozialismus und komplettes Desinteresse, Abwehr und Taktieren, glückliches Partisanentum und unglücklichen Opportunismus – und das oft genug in einer einzigen Biografie. Frank Herrmann, damals wie heute aktiver Künstler, äußert in einem Interview, es wäre nicht um Opposition gegangen, sondern um Freiräume. Das trifft den Punkt. Künstler haben gemacht, was Künstler machen, wenn sie Künstler sind: Kunst, für und zur Not gegen die Gesellschaft. Was denn sonst?

Im Anschluß beschreibt Kunz die Ausstellungsteile im Detail; besonders gefallen hat ihm die stärkere thematische Konzentration in der Motorenhalle. In der Prager Spitze kritisiert er eine gewisse Überladenheit und räumliche Enge, konzediert aber die “redliche Informationsarbeit” und die Darstellung “gebündelter Zeitgeschichte”.

Mi 18.11. | 20 Uhr | Scheune

OhU-Konzert | Lothar Fiedler und Helge Leiberg

Lothar Fiedler wird in der Scheune an der elektrischen Gitarre improvisieren und Helge Leiberg dazu live Overheadmalerei produzieren. Sie treffen auf Berit Jung (Contrabass), Almut Kühne (Vocal) und Michael Waltz (sampling, electr.), eine neue Generation, die ebenso experimentierfreudig mit Musik und Klang umgeht.

Ab Ende der 1970er Jahre war Lothar Fiedler einer der Motoren der Dresdner Kunstszene, vor allem als Initiator zahlreicher Musik- und Improvisationsgruppen (z.B. Musikbrigade) und Herausgeber der inoffiziellen Künstlerzeitschrift “und”. Helge Leiberg studierte Malerei an der HfbK, ist aber seither grenzgängerisch zwischen bildender und darstellender Kunst unterwegs.

Im Jahr 1979 lernten sich Fiedler und Leiberg bei einem Konzert kennen. Letzterer hatte 1973 den Studentenclub der HfBK mitgegründet und organisierte dort Musikveranstaltungen, das Programm bestand hauptsächlich aus Free Jazz-Konzerten. Leiberg spielte seit seiner Kindheit Trompete, begann selbst mit freier Musik zu experimentieren. Über den Maler Peter Herrmann kam der Kontakt zu A.R. Penck zustande und gemeinsam mit Michael Freudenberg traf man sich regelmäßig, um gemeinsam Musik zu machen. Als Penck in den Westen ging, setzten Leiberg und Freudenberg das gemeinsam Musizieren in der Musikbrigade fort.

Helge Leiberg - Komplexe Wege

Helge Leiberg - Komplexe Wege


Mitte der 1980er Jahre reisten sowohl Leiberg (’84) als auch Fiedler (’86) nach Westberlin aus. In Westberlin gründete sich die Band neu. Dazu gehörten dann auch Penck und nach der Wende Christoph Winkel. Zwei Maler, zwei Musiker experimentierten weiter musikalisch und traten mit einer Art spontaner Rockmusik bis 1997 bei Ausstellungseröffnungen von A.R. Penck unter dem Namen „O.T.“ auf. In den Programmheften wurde dies umschrieben als: „Spontane Musik ohne Titel & Tradition“. Leiberg und Fiedler intensivierten Ihre Zusammenarbeit in den Gruppen Skepsis, Sensor und Gokan. Bei letzterer kam es 1993 zu einer Art Reunion der Gruppe Fine.

BruchZonen: Michal Hvorecký im riesa efau

Di 17.11. | 20 Uhr | riesa efau | Konzertkeller

Lesung mit Michal Hvorecký

Blog

Mit Eskorta hat der slowakische Autor Michal Hvorecky (*1976) einen mehr als ungewöhnlichen ‘Wenderoman’ vorgelegt. Ungewöhnlich und erfolgreich. Und seit März diesen Jahres können sich auch die deutschen Leser von Michal Hvoreckys surrealen und doch an der politischen Wirklichkeit von damals und heute interessierten Erzählwelten ein Bild machen. Sein Roman erzählt nicht nur die Lebensgeschichte eines gewissen Michal Kirchner, sondern ebenso – mal skurril, mal bitter ernst – die Geschichte von Hoffnungen, Aufbrüchen und Ernüchterungen ganzer Generationen und Regionen. Dies aber eben neu, überraschend und irritierend.
Allein schon die ‘Biographie’ des Protagonisten läßt aufhorchen: Hervorgegangen aus der Zweckverbindung einer Lesbe und eines Schwulen in der CSSR, ist Michal Kirchner selbst davon überzeugt, „dass ich als Frau besser ausgesehen hätte.“ Nach der Wende wird er ein Edel-Callboy, um dann nach einer surrealen Verwandlung als Michaela eine Tochter zu gebären. Mit diesen rasanten Umwendungen von Identität verbindet sich ein Blick auf die politische Wende in Mitteleuropa als kollektiver Orgasmus mit anschließender Katerstimmung. Der Wegfall von staatlichen und weltanschaulichen Grenzen setzt eruptiv sexuelle Energien frei, führt aber auch zu Erschlaffung und Verfall.
Michal Hvorecky liest im Rahmen von Bruchzonen und dem diesjährigen forum junge wissenschaft aus seinem Roman Eskorta. Zudem lädt er – gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Oliver Geisler – zu einem anschließenden Gespräch ein. Und er wird erste Auszüge aus seinem neuen Romanprojekt vorstellen, das Ihn weit in den Osten – in das Donaudelta – geführt hat.

Und nochmal “Ohne Uns” im ND…

…in dieser lesenswerten Besprechung von Sebastian Hennig, die sich wohlwollend mit dem Konzept der Ausstellung und eher kritisch mit den Exponaten und ihrer Haltbarkeit auseinandersetzt – Hennig ist sicher nicht der größte Freund eher postmoderner Ausdrucksformen – und am Ende zu einem Abstecher ins Grundsätzliche aufbricht:

Heute trägt diese Generation zum Teil selbst Verantwortung, und die nachwachsenden Nonkonformisten haben eine Sprachlosigkeit, für die noch kein Wörterbuch verlegt ist. Die Zukunft wird zeigen, ob öffentliche und inoffizielle Kultur noch ebenso fast organisch auseinander hervortreiben können. Der Kunstfeind Nummer Eins ist immer der Banause. Und politische Verhältnisse können ihn zum Entscheidungsträger werden lassen, jederzeit.

In der Prager Spitze vorbeigeschaut hat auch Michael Bittner von der Dresdner Lesebühne saxroyal und in seinem Blog ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben:

Indem die Ausstellung löblicherweise nicht mit dem Mauerfall endet (und auch osteuropäische Künstler zum Vergleich heranzieht), kann sie sichtbar machen, dass Unangepasste in jedem politischen System versuchen, gegen den Zwang der Gewöhnlichkeit anzugehen. Zugleich zeigt sich, dass die künstlerischen Themen sich durch den Systemwechsel weniger stark verändert haben als man vermuten könnte: Kritik an Bürokratie und Leistungswahn, Umweltverbrauch und öffentlicher Überwachung scheinen nach wie vor aktuell. Wer in der Opposition der DDR vom besseren Sozialismus träumte, für den bedeutete der real existierende Kapitalismus ein eher böses Erwachen.

DT64 bei “Ohne Uns!”

Do 12.11. | 20 Uhr | Prager Spitze | Gesprächsabend

Moritz von Rappard im Gespräch mit Lutz Schramm und Wolfgang Zimmermann zu unabhängiger Musik und dem Jugendradio DT64

„99 Stunden flotte Berichte, Suchanzeigen und vor allem Beat“ – das war die Losung des Sonderstudios Deutschlandtreffen 1964, das aufgrund des immensen Erfolgs wenige Wochen später als Jugendstudio DT64 zum festen Bestandteil des Berliner Rundfunks wurde. Obwohl Erich Honecker bereits auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 scharfe Kritik übte, stand die Abschaltung des Programms zu DDR-Zeiten nie zur Diskussion.

Lutz Schramm moderierte auf dem ab 1986 eigenständigen Kanal bis 1991 (und von 1991-93 auf “Rockradio B”) Parocktikum – eine Sendung, die einem breiten Publikum die Musik der internationalen wie auch der regionalen Independentszene vorstellte. Als Vertreter des Staatsradios hatte er jedoch immer wieder damit zu kämpfen, dass es viele Künstler gab, die sich konsequent jedem Kompromiss mit der Staatsmacht verweigerten. Andere nutzten die kleine Lücke, um ihre Arbeit einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wolfgang Zimmermann organisierte von 1981 – 1985 im Clubhaus Coswig Veranstaltungen, die virtuos unterschiedlichste Künstler zusammenbrachten: Free-Jazz traf auf Literatur, Tanz, Film oder gar die Moritzburger Jagdhornbläser. Mit Veranstaltungen wie dem „JAZZ IN“ wurde Coswig zu einem Mekka der Jazz-Fans. Im Juni 1985 präsentierte Zimmermann die „Intermedia I“ und wurde daraufhin entlassen. In der Eröffnung des Disziplinarverfahrens hieß es: „Sie haben sich zum Organisator von Veranstaltungen gemacht, die den Prinzipien sozialistischer Kulturpolitik völlig entgegenstehen.“ Was folgte, war eine jahrelange und zutiefst zermürbende Konfrontation mit lokalen Verwaltungsstellen und der Staatssicherheit. Über unvorhersehbare Umwege wurde ihm schliesslich die Leitung der Dresdner Schauburg anvertraut, wo es ihm trotz enger Auflagen erneut gelang, ungewöhnliche Programme zusammenzustellen.

Moritz von Rappard ist in Berlin als Kurator tätig. Zur Zeit präsentiert er im Berliner Zeughauskino eine vierzehnteilige Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Radio Geschichte: DT64“.

Im Rahmen von „Ohne uns“ sprechen Lutz Schramm und Wolfgang Zimmermann mit Moderator Moritz von Rappard darüber, was damals ging und was nicht ging – über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Arbeit in der DDR der 1980er Jahre. Lutz Schramm hat außerdem für uns im Archiv gekramt und wird Ausschnitte einer DT64-Sendung von 1988 über ein alternatives Musikfestival präsentieren.