Studentenfilme der HFF Potsdam-Babelsberg 1979-1989

Hannes SchönemannSonnabend, Sonntag, Montag früh – 1979 – 45min

In seinem 45-minütigen Diplomfilm begleitet Hannes Schönemann Detti, Eilu, Fletscher und Mario ein ganzes Wochenende lang. Alle drei wohnen in Karwe, einer kleinen brandenburgischen Gemeinde. Sie lernen im Schlachthof, werden Dachdecker oder arbeiten in der Produktion – ganz normale DDR-Jugendliche eben. Hannes Schönemann ist ein Gruppenporträt gelungen, das unverstellt DDR-Alltag sinnfällig werden lässt – bis hin zur Westmusik in der HO-Disko. Ein filmisches Tabu. Sonnabend, Sonntag, Montag früh ist durch seine seltene dokumentarische Dichte zu einem Ausnahmefilm der DDR geworden.
Sonnabend_Sonntag
Hannes Schönmann studierte bis 1980 an der HFF. Bereits als Filmstudent geriet er in den Fokus der Staatssicherheit. Er gehörte zu den wenigen HFF-Studenten, die im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung 1976 ihre Unterschrift unter eine Ergebenheitsadresse an die DDR-Führung verweigerten. Unter dem Titel “Zweifler” eröffnet das Ministerium für Staatssicherheit 1983 eine “operative Personenkontrolle” gegen Hannes Schönemann und seine Ehefrau Sybille Schönemann. 1984 stellen sie gemeinsam einen Ausreiseantrag. Beide werden vom Staatssicherheitsdienst verhaftet und im Februar 1985 zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Juli 1985 erfolgt der Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland und die Ausreise nach Hamburg. Seit mehreren Jahren arbeitet Hannes Schönemann als Lehrer bei XenosMedia, einem Netzwerk von Filmprojekten in Mecklenburg/Vorpommern.

Thomas HeiseWozu über diese Leute einen Film – 1979/80 – 33min

Mit dem Titel zitiert Thomas Heise einen Dozenten während der Vorstellung des Sujets. Ausgerechnet das kleinkriminelle Milieu, das offiziell nicht stattfinden durfte, interessierte den Filmemacher. Dennoch konnte er seine 30-minütige Beobachtungsstudie drehen. Norbert, Bernd und Ingo sind junge Leute im Berlin 1979/80. Ihre Mutter erzählt, dass alle schon mit der Polizei zu tun hatten: Einbrüche in Kaufhallen, Motorraddiebstähle. Sie haben sogar mit dem Luftgewehr auf Leute geschossen. Hier im Film erzählen sie über sich, ihre Vergangenheit, ihre Ideale und ihre Hoffnungen. Heises Perspektive auf soziale Außenseiter und “Randgruppen” ist unüblich und so kulturpolitisch nicht gewollt. Wozu denn über diese Leute einen Film? ist bis zum Ende der DDR niemals öffentlich aufgeführt worden. Thomas Heise brach sein Studium 1982 ab und kam damit seiner drohenden Exmatrikulation zuvor.
Wozu_denn___ber_diese_Leute_einen_Film
Thomas Heise wird am 22. August 1955 in Berlin geboren. Sein Vater ist der ostdeutsche Philosoph Wolfgang Heise. Nach seinem Schulabschluss beginnt er 1971 eine Ausbildung zum Facharbeiter für Drucktechnik. Ab 1975 ist er als Aufnahmehilfe und später als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg beschäftigt. Zu einer wichtigen Arbeit wird die Recherche für Regisseur Heiner Carow zu dessen Film BIS DAß DER TOD EUCH SCHEIDET (1979). Thomas Heise geht in Betriebe und befragt junge Eheleute um die 20 sowie Jugendbrigaden über ihr Leben. Während dieser Zeit holt er neben seiner Arbeit das Abitur an der Volkshochschule nach.
Von 1978 bis 1982 studiert Thomas Heise an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Regie. Als publizistisch-dokumentarische Filmübung des 2. Studienjahres stellt er die 30minütige Dokumentation Wozu DENN über DIESE Leute einen Film (1980) vor. Er beobachtet zwei kleinkriminelle Brüder in Ostberliner Prenzlauer Berg. Sujet wie Inszenierung stoßen auf Unverständnis und werden als Provokation angesehen. Der nächste Film ANKA UND … (1981), der Jugendliche in Eisenhüttenstadt porträtieren soll, wird nach einem Tag Dreharbeiten durch die Abteilung Innere Angelegenheiten von Eisenhüttenstadt und durch die Hochschule abgebrochen. Auch andere Arbeiten werden seitens der Hochschulleitung torpediert: Eine Fortsetzung von Wozu DENN über DIESE Leute einen Film (1980) wird kurz vor Drehbeginn untersagt. Das bestellte Spielfilmszenarium “Hör auf zu bluten, komm mit ins Kino”, welches Thomas Heise gemeinsam mit Wolf Rüdiger Schulz verfasst, wird vom Direktor der DEFA Hans Dieter Mäde nicht abgenommen. Sein geplanter Hauptprüfungsfilm ERFINDER 82 (1982) findet nach dem Rohschnitt beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme und an der Hochschule keine politische Akzeptanz, wird nicht abgenommen. Der Regisseur weigert sich, eingeforderte Änderungen auszuführen; er bricht das Studium an der Hochschule ab. Der Film wird später vernichtet.
Danach ist Thomas Heise mehrere Jahre freiberuflich als Autor und Regisseur für den Rundfunk, für die staatliche Filmdokumentation des DDR-Filmarchivs sowie am Theater tätig. Es entstehen zahlreiche Drehbücher, Entwürfe, Fragmente und Videoprotokolle, die alle verboten werden. Von 1976 bis 1988 wird der Künstler durch die Staatssicherheit operativ bearbeitet, um zu verhindern, dass er künstlerische Beiträge produziert, die nach Ansicht der Verantwortlichen das Ansehen des Landes schädigen könnten. Er inszeniert für den Rundfunk der DDR Originalton-Hörspiele, die er “Dokumentarfilme ohne Bild” nennt. So entsteht unter anderem Vorname Jonas (1983), in dem er einen Jugendlichen nach seinem Gefängnisaufenthalt bei seinen Wiedereingliederungsversuchen beobachtet. Nach Vorlage des Schnittszenariums wird die Arbeit verboten; erst 1989 kann sie an der Akademie der Künste fertig gestellt werden. 1985 wird die Idee zur Bearbeitung der Geschichte eines Zuges von 6000 Häftlingen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Dorf in Mecklenburg als Fernsehdokumentation sowie als Hörspiel abgelehnt; 1988 finden Stoff und die Originalprotokolle in Form eines Theaterstücks endlich eine Öffentlichkeit.
Mitte der 80er Jahre entstehen zwei Filme für die staatliche Filmdokumentation des Filmarchivs der DDR. Für DAS HAUS – 1984 (1984) filmt er mit Kameramann Peter Badel im Berolinahaus am Alexanderplatz, damals Sitz der Abteilungen Soziales, Wohnungspolitik, Jugendfürsorge und Inneres des Stadtbezirkes Berlin-Mitte. Das Filmteam beobachtet Verwaltungsangestellte und Bürger. In VOLKSPOLIZEI – 1985 (1985) dreht er im Polizeirevier in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte. Beiden Filmen gemeinsam ist der ungeschminkte Blick auf die DDR, auf Menschen und Situationen im vormundschaftlichen Staat. Den Filmen gelingt, Kontrollsucht und Trägheit der Institutionen zu verdeutlichen; sie zeigen auf, wie grundlegend Ideologie den Alltag beherrschte. Keine der Dokumentationen wird im Kino oder im Fernsehen gezeigt; sie erhalten keine Möglichkeit, wahrgenommen zu werden. Die Filme von Thomas Heise aus den 80er Jahren gelangen erst Anfang des neuen Jahrtausends an die Öffentlichkeit.
Von 1987 bis 1990 ist Thomas Heise auf Initiative von Heiner Müller und Gerhard Scheumann Meisterschüler an der Akademie der Künste. Die Dokumentation IMBISS-SPEZIAL (1989) wird sein Abschlussfilm. In einer Schnellgaststätte auf dem Lichtenberger Bahnhof in Berlin nimmt er in den Tagen und Nächten um den 40 Jahrestag der DDR, den 07. Oktober 1989, die vielfältigen, kleinen Ereignisse und Sorgen der Menschen auf, die sich in einer gesellschaftlichen Umbruchphase befinden. Der Film gilt als einer der wichtigsten “Wendefilme”, da er in Bild und Ton präzise die politische Situation einfängt. Nach dem Zusammenbruch der DDR im November 1989 ist der Regisseur einer der wenigen seiner Generation, die nahezu kontinuierlich im dokumentarischen Bereich weiter arbeiten können.
Als Gastdozent hält Thomas Heise Vorträge, gibt Seminare und leitet Workshops, unter anderem an der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Potsdam-Babelsberg, an der Filmhochschule Ludwigsburg sowie an der Schauspielschule “Ernst Busch” in Berlin. Eingeladen wird er zu Seminaren in die USA, nach Frankreich sowie Tunesien und nach Montevideo (Uruguay). Thomas Heise lebt in Berlin. Seit dem Wintersemester 2007/08 ist Thomas Heise Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Homepage Thomas Heise

Andreas Dresen Was jeder muß – 1988 – 16min

Andreas Dresen drehte diesen Dokumentarfilm als Student 1988 an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF) in Potsdam-Babelsberg: Simone und Dieter sind 20. Sie haben gerade ein Baby bekommen, das Familienleben könnte beginnen. Aber Dieter muß zur Armee … Der Film begleitet ihn die ersten sechs Wochen, zeigt Zweifel, Einsichten und Zustände, die kaum zu akzeptieren sind. Ein kleiner realistischer Einblick in die NVA Ende der 80er Jahre, der in der DDR mit einem Aufführungsverbot belegt wurde.

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Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren. Aufgewachsen in Schwerin, drehte er seit Ende der 70er Jahre eigene Amateurfilme. Nach dem Abitur 1982 arbeitete er als Tontechniker am Schweriner Theater und absolvierte ein Volontariat im DEFA Studio für Spielfilme, wo er auch als Regieassistent arbeitete. Dresen studierte von 1986 bis 1991 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Potsdam-Babelsberg. Seit 1992 arbeitet er als freier Autor und Regisseur. Er lebt in Potsdam.
Für seine Kino- und Fernsehfilme erhielt Andreas Dresen zahlreiche Preise.

Bernd SahlingAber wenn man so leben will wie ich – 1988 – 20min

Aber wenn man so leben will wie ich, der Hochschulfilm von Bernd Sahling, lief in der Sonderveranstaltung des Verbandes. Dokument des Lebensgefühls eines Außenseiters? Oder das eines ernstzunehmenden Symptoms? Michael ist achtzehn. Konsequenter Punk mit Freundin Kathi, Baby Marie-Luise und Ausreiseantrag. Wegen asozialen Verhaltens war er im Gefängnis. “Es steckt in mir drin, ich kann keine Verantwortung tragen”, insistiert er, “ick kann nichts, kann nich malen, nich dichten, kann bloß’n bißchen Baß spielen, so daß et grade reicht, um in so ‘ner Punkerband mitzuspielen.” Das hat Traurigkeit und bodenlosen Anspruch. Die Filmemacher interviewten auch Michaels Mutter. Sie hat keinen Einfluß mehr auf ihren Sohn, der anders leben will als sie, leben will als Individualist, ohne Regeln, ohne Zwänge, ohne Pflichten. Diffuses Verlangen nach Freiheit, Bindungslosigkeit. Michael ist ein intelligenter Junge mit Kraft in der Seele. Warum geht solche Kraft in solche Richtung? Warum will er so und nicht anders? Offene Fragen, bange Fragen. Vorsicht bei der Ausfahrt des Zuges.

(In: Voigt, Jutta: Vorsicht bei der Ausfahrt des Zuges : die 31. Dokumentar- und Kurzfilmwoche Leipzig. Sonntag, Berlin, v. 18. 12. 1988)

loeser_aber-wenn-man-soBernd Sahling wurde 1961 in Naumburg geboren, arbeitete von 1983 bis 1986 als Volontär und Regieassistent bei der DEFA, studierte von 1986 bis Anfang der 90er-Jahre an der HFF Potsdam und entdeckte dort seine Vorliebe, mit Kindern und Jugendlichen dokumentarisch zu arbeiten. In seinem Volontariatsfilm, dem Dokumentarkurzfilm Ein Lied für Anne (1985), porträtierte er das blinde Mädchen Anne, das damals gerade in einen ganz “normalen” Kindergarten aufgenommen wurde. Am Ende seines Studiums an der HFF widmete er seinen Abschluss- bzw. Diplomfilm nochmals Anne (Im Nest der Katze, 1991) und dem Punk Michael, der mittlerweile in Berlin-Kreuzberg lebte und schwer heroinabhängig war (Alles wird gut).

Texte + Filmauswahl: Nils Werner –
Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Kinemathek