Motorenhalle – Rundgang II

Helge Leibergs »Komplexe Wege« (1989) zeigt in dem gestischen von Rot- und Schwarztönen dominierten Gemälde, zwei miteinander ringende Gestalten, die in intensiver Zwiesprache einen eigentümlichen Tanz aufzuführen scheinen. Leiberg hat sich schon in den späten 1970er Jahren mit der engen Wechselbeziehung von Tanz und Zeichnung in seinen v.a. grafischen, aber auch installativen Arbeiten auseinandergesetzt und gerade hier eine ganz eigene Formensprache entwickelt, um Bewegung und Dialog im zweidimensionalen Medium festzuhalten.
Helge Leiberg - Komplexe Wege
Bei »Komplexe Wege« mögen einem auch die Standart-Figuren von A.R. Penck in den Sinn kommen, mit dem Helge Leiberg, der aus der Free Jazz Szene kommt, eine intensive musikalische Freundschaft verbindet.

Das Gemälde mit dem programmatischen Titel »Aufbruch« – übrigens Wolfram Adalbert Schefflers erstes Gemälde überhaupt, zuvor umfasste sein Werk neben installativen Arbeiten ausschließlich Grafiken – zeigt auf der Vorderseite des ›shaped canvas‹ zwei stark überzeichnete Halbfiguren, die vor einem kontrastreichen grellfarbigen Hintergrund abgebildet sind.
scheffler -aufbruch
Scheffler Aufbruch Rückseite, Abb. 21
Auf der Rückseite, der von beiden Seiten ansichtigen Arbeit, hat Scheffler eine Collage aus Magazinseiten der »Neuen Welt« geklebt, die ein buntes Panoptikum der DDR aus Gesellschaft, Politik, Sport, Naturwissenschaften usw. abbildet. Die ›unerhörte‹ Farbigkeit der Vorderseite ist als eine bildgewordene politische ›message‹ gegen das Grau-in-Grau, die Tristesse der ihn umgebenden Welt zu verstehen.

Reinhard Sandners »Halbnixe« (1983) weist in ihrem expressiv-gestischen Malduktus auf die malerische Unbändigkeit eines Ernst Ludwig Kirchners hin, auch die Masken-Attribute, die der Elbjungfrau zugeordnet sind, erinnern an das Palau der KG Brücke.
Ohne Uns! Projekt riesa efau
Die maskenartigen Gesichter transportieren allerdings mehr als nur den Verweis auf die Südsee-Begeisterung der Expressionisten, hierin findet sich ein direktes politisches Statement Sandners, der mit der dieser Darstellung indirekt auf die Notwendigkeit des Sich-Versteckens und Verfremdens hinweist.
Scheffler Tod, Verwandlung und Masken 1981, Abb. 23In Schefflers frühem Selbstbildnis »Tod, Verwandlung und Maskierung« (1981) spielen Masken ebenfalls eine bildbestimmende Rolle – die Lesart der Maske als Schutz der eigenen Person, in einem Staat, der sich nicht um die Persönlichkeitsrechte seiner Bürger scherte, liegt hier nahe.

Lutz Fleischers »Trunkenes Paar« von 1981 steht in der Tradition der Dresdner Expressionisten um Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff. Sein Liebespaar ist in einer urbanen Szenerie verortet, die grellen Farbakzente in Rot und Gelb vor der schwarzen Binnenzeichnung tauchen das Gemälde in eine apokalyptisch anmutende Atmosphäre. Wählten die BRÜCKE-Künstler häufig Motive aus der Dresdner Friedrichstadt als Sujet ihrer Gemälde, so ist auf dem Bild Fleischers die Bahnüberführung am Dammweg im Hechtviertel zu sehen. – Sein Liebespaar, nur schemenhaft als Rückenfiguren angedeutet, ist in einer urbanen Szenerie verortet, die grellen Farbakzente in Rot und Gelb vor der schwarzen Binnenzeichnung tauchen das Gemälde in eine apokalyptisch anmutende Atmosphäre.

Fleischers Installation »Gelbe Erbsen mit Bauchspeck« (1988) gehört zu einer Reihe von Objekt-Arbeiten aus der »Roten Serie«. Das mit pink-roter Farbe gefüllte Einmachglas mit der Aufschrift »Gelbe Erbsen mit Bauchspeck« wird von dem Künstler unter einer Glasglocke präsentiert. Das an Marcel Duchamps Ready-Mades erinnernde Artefakt ist ironische Überhöhung und sarkastische Brechung zugleich: ›Real-Satire‹.

Text: Gwendolin Kremer

Abb.
Helge Leiberg: Komplexe Wege. 1989

Wolfram Adalbert Scheffler: Aufbruch. 1981, Acryl auf Sperrholz, 175 x 240 cm, Sammlung des Künstlers
© Wolfram Adalbert Scheffler, Foto: Wolfram Adalbert Scheffler

Wolfram Adalbert Scheffler: Aufbruch. 1981, Rückseite, Collage aus Magazinseiten auf Sperrholz, 175 x 240 cm, Sammlung des Künstlers
© Wolfram Adalbert Scheffler, Foto: Wolfram Adalbert Scheffler

Reinhard Sandner: Halbnixe. 1983

Wolfram Adalbert Scheffler: Tod, Verwandlung und Maskierung. 1981, Acryl auf Leinwand, 120 x 120 cm, Sammlung des Künstlers
© Wolfram Adalbert Scheffler, Foto: Wolfram Adalbert Scheffler