Jürgen Böttchers Dresden-Filme

Mi 14.10. | 20 Uhr | Motorenhalle

20 Minuten lang quietschende Bremsen, Hämmern, Pfiffe, das Aufeinanderknallen von Metall. Dumpf. Schwarzweiß. Hart im Kontrast. Brachial im Verzicht auf Musik, Sprache.

„Rangierer“ von Jürgen Böttcher – 1984 gedreht auf dem Güterbahnhof Dresden-Friedrichstadt ist heute eine Ikone des sozialistischen Realismus. Gefilmt und montiert von einem, der zeitlebens versucht hat, sich der engen Behausung des „sozialistischen Realismus“ in seiner Kunst und seinen Filmen zu widersetzen. Ein Widerspruch? Ein Lehrstück.

Auferstanden aus Ruinen…

Wer nach Jürgen Böttchers künstlerischen Ursprüngen sucht, dockt direkt an beim Neubeginn der künstlerischen Avantgarde in Dresden nach 1945. Anfang der 50er Jahre, ein Kunststudium der HfBK Dresden in der Tasche, debütiert der Maler Böttcher mit dunklen Farben, müden, arbeitsschweren Gestalten, düsteren Gemäuern. Kunst der Selbstbefragung, dort wo andere nach 12 Jahren Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg, Holocaust bereits eine leuchtende Zukunft malen.

Diesen sozialistischen Realismus, Blauhemden im Vormarsch, das fand ich so widerlich. Ich habe mehr traurige Bilder gemalt, was man mir sehr verübelte. Es war nicht optimistisch. Es wurde optimistische Kunst verlangt. Denn es waren doch die besten aller möglichen Zeiten. (JB)

Kunst, so wie man sie offiziell verstand, bestellte und ausstellen wollte, konnte Böttcher keine liefern. Eine Sackgasse, für den, der die Abweichung vom Programm zu seinem eigenen Programm erklärt. Keine 25 Jahre alt biegt Jürgen Böttcher radikal ab und ein in Richtung Film. Begeistert vom so ganz anderen Wirklichkeitspinsel der neorealistischen, italienischen Filme studiert er Regie in Babelsberg. Das Ziel vor Augen: einmal ebenso großartige Spielfilme zu inszenieren. Schon mit einem seiner ersten Filme jedoch knallt er auf Beton:

Drei von vielen – 1961

In Dresden gedreht. Ein kleiner Dokfilm, in dem endlich alles zu stimmen scheint.

Drei Freunde, drei junge Arbeiter, die bei Böttcher in Dresden Kunstunterricht nehmen, werden porträtiert. Nach der wegweisenden Bitterfelder Konferenz: ein Trio mit Schauwert für den Arbeiter- und Bauernstaat. Eigentlich. Doch etwas stört die Genossen.

Jazz ist der Soundtrack dieser jungen „Wilden“. Ein Künstlerleben nach eigenen Normen wird spartanisch zelebriert. Ganz sachlich, ohne rebellische Posen, aber auch ohne zeittypische, pathetische Wortkolloratur gehen die Freunde wie der Regisseur zu Werk. Verstörend einfach. Die Sache mit der künstlerischen Eigenermächtigung des Arbeiters wird den Verantwortlichen zu heiß. Der Film verschwindet ohne Aufführung im DEFA-Filmarchiv. Erst 1988, in Edinburgh, kann ihn der Regisseur erstmals öffentlich präsentieren.

Wie weiter? Aufgeben? Zurück zur Malerei? Jürgen Böttcher versucht es mit einer Doppelstrategie bei der DEFA. Eigene Gänge graben im System des Dokumentarfilmstudios und gelegentlich ein Auftragswerk. Das Ergebnis: Einige der abgelieferten Bestellfilme tun heute Augen und Ohren weh. Böttcher verhelfen die Zugeständnisse zur großen Chance: Er darf inszenieren. „Jahrgang 45“ heißt sein Spielfilmdebüt. Ray-Charles-Musik trifft auf Ruinenlandschaft, Beatjugend auf „Haltet die Reihen geschlossen“. In Berliner Hinterhöfen wird zaghaft das Leben der Boheme probiert. 1965 mehr als nur Kontrastprogramm. Die SED zieht den Film aus dem Verkehr, noch bevor ihn ein normaler Zuschauer zu Gesicht bekommt.

Als Strafe für die verbotenen Filme hatte ich Zeiten, wo ich nichts Eigenes machen konnte. Besonders nach dem Spielfilm gab es eine lange Durststrecke. Ich bin dann in Betriebe gegangen zu Leuten, die sehr schwer arbeiteten. Ich wollte wissen, wie halten die das aus. (JB)

Die kleine Form, der Beifilm im Kino – er wird zu Jürgen Böttchers großer Kunst. Sensible Porträts von Wäscherinnen, einer Trümmerfrau, den Bewohnern des Mikrokosmos Großküche entstehen. Menschen, Proletarier – durch keine Worthülsen oder Phrasen dem Zuschauer entstellt. Dennoch: Lücken bleiben. Ungesagtes. 1984 die Konsequenz:

Rangierer – 1984

Es wurde für mich unerträglich, im Film nicht sagen zu können, was Leute denken. Und da habe ich mir gesagt, die reden gar nicht mehr. Und Schluss. Nur zeigen, wie rangiert wird. Dass Sprache nicht mehr die Rolle spielt. Dass ich gar keine Fragen mehr stelle. ..damit der Film die nötige Härte, Klarheit und Sachlichkeit hat. (JB)

rangierer klein

Das Ergebnis „Rangierer“: Ein Bild/Klang-Kunstwerk, aus der Choreografie eines sozialistischen Arbeitstags herausgeschält. Monumental, zyklisch, Sisyphos im Gleisbett.

Ein Jahr später dann doch noch ein letzter Versuch filmisch, sprachlich ans andere Ufer zu kommen. In Dresden geht Jürgen Böttcher das eigene uralte Tabuthema an: die Genese des Künstlers. Schauplatz: das Atelier eines großen Unbekannten der ostdeutschen Kunst.

Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner – 1985

Ein Besuch unter Kollegen: Der Maler hinter der Kamera zu Gast bei dem 96jährigen Künstler und Konstruktivisten Hermann Glöckner. Eine Dresdner Legende. Jahrzehnte lang arbeitet Glöckner im Elbtal fernab des Kunstbetriebs. Mit ihm, dem nimmermüden Avantgardisten, können sie wenig anfangen in der DDR. Abstrakte Malerei, streng, konzeptionell, ganz nach eigenem Diktat – Ein Vorbild? Bewahre, fast schon ein dissidenter Akt. Wo bitte soll das enden?
besuch bei gloeckner - klein

Jürgen Böttcher versucht trotzdem eine Annäherung an den Mann und sein Werk. Ohne Überzeugungsfuror, ohne den Widerständigen zum Heros zu stilisieren. Es hilft nichts. Während des Neubrandenburger Dokumentarfilmfestivals kommentiert eine Fernsehredakteurin: „Was soll dieser Tattergreis auf der Leinwand?“

(Text + Filmauswahl: Nils Werner, Fotos: PROGRESS FILM-VERLEIH)